Red HatDigitale Transformation benötigt mehr Flexibilität

[21.10.2026] EU-Vorgaben und Sicherheitsanforderungen ändern sich ähnlich schnell wie die einzelnen Service-Leistungen für Bürger. Die Kombination aus Open Source und lokalen Partnern verspricht dabei sowohl Handlungsfähigkeit als auch weiterhin konsistente Arbeitsweisen. Ein Gastbeitrag von Martin Hosken, Red Hat.

Öffentliche Verwaltungen können bestehende Systeme in eine moderne Application Platform zu überführen.

(Bildquelle: KI-generiert)

An Anforderungen mangelt es nicht: Europäische Behörden müssen die Kontrolle über Bürgerdaten sichern und zugleich digitale öffentliche Dienstleistungen verbessern. Die dafür notwendige Infrastruktur stammt jedoch vielfach aus einer Zeit, in der Geschwindigkeit weniger entscheidend war. Veraltete Anwendungen, getrennte Betriebsmodelle und fehlende gemeinsame Standards für den Weg von Software in den produktiven Betrieb sind Relikte dieser Zeit.

Mit den wachsenden Anforderungen an die digitale Souveränität steigen die Ansprüche sprunghaft. Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, wo Daten gespeichert werden. Entscheidend ist, ob eine Verwaltung ihre Technologie selbst kontrollieren, den Betrieb unabhängig absichern und ihre Systeme an veränderte wirtschaftliche, finanzielle und regulatorische Rahmenbedingungen anpassen kann.

Wer Open Source als transparente, konsistente Grundlage versteht und bei der Umsetzung mit erfahrenen Partnern arbeitet, kann die Modernisierung an den Möglichkeiten der bestehenden IT-Landschaft ausrichten. Wer dagegen auf die endgültige Klärung rechtlicher Rahmenbedingungen wartet, riskiert, dass die Systeme des vergangenen Jahrzehnts auch im nächsten Regierungsmandat noch im Einsatz sind.

Modernisierung muss mit der bestehenden IT-Landschaft funktionieren

Die „Digital Decade“, die Vision der Europäischen Union für eine digitale Transformation, die Bürger und Unternehmen stärkt, sieht weiterhin vor, dass bis 2030 ganze 100 Prozent der wichtigsten öffentlichen Dienstleistungen online zugänglich sind. Der Bericht „State of the Digital Decade 2026“ der Europäischen Kommission geht jedoch davon aus, dass bis 2030 nur rund 90 Prozent dieses Ziels erreichbar sind.

Die gute Nachricht: Öffentliche Verwaltungen müssen nicht auf der grünen Wiese starten. Entscheidend ist, bestehende Systeme etwa für Rentenzahlungen, Verkehrssteuerung oder Gesundheitsdaten in eine moderne Application Platform zu überführen. Dafür braucht es zeitgemäße Entwicklungs- und Bereitstellungsprozesse sowie Spielraum für künftiges Wachstum. Gleichzeitig binden Legacy-Systeme finanzielle Mittel und Ressourcen, die für die Modernisierung fehlen. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie lässt sich modernisieren, ohne Systeme zu beeinträchtigen, die heute zuverlässig funktionieren?

Wie das aussehen kann, zeigt sich anhand von ersten erfolgreich umgesetzten Projekten. So konnte beispielsweise EUROCONTROL IT-Systeme ersetzen, die seit 25 Jahren im Einsatz sind und jährlich bei der Abwicklung von elf Millionen Flügen unterstützen. Das britische Verteidigungsministerium hat hingegen erfolgreich den IT-Zugang standardisiert. Eigene Teams und zugelassene Drittanbieter können dadurch auf einer gemeinsamen digitalen Grundlage über eine komplexe IT-Landschaft hinweg arbeiten.

Viele zivile Behörden stehen dagegen noch am Anfang dieser Entwicklung. In Bereichen wie Gesundheit, Justiz, Sozialleistungen und kommunaler Verwaltung wird die moderne Bereitstellung von Anwendungen vielfach noch als spezialisiertes Projekt verstanden.

Open Source verbindet Konsistenz mit Wahlfreiheit

Klar ist, dass öffentliche Organisationen ihre IT nicht für jede neue regulatorische Anforderung grundlegend umbauen können. Nach dem EU AI Act müssen beispielsweise Krankenhäuser, Finanzbehörden oder Sozialleistungsträger, die KI in bürgernahen Prozessen einsetzen, nachvollziehbar darlegen können, wie die Systeme überwacht werden, auf welchen Technologien sie basieren und ob die Organisation in der Lage ist, sie anzupassen.

Das ist eine Aufgabe für die Plattform und das zugrunde liegende Operating Model. Gleiches gilt für weitere europäische Anforderungen an Datenschutz, operative Resilienz und die Integrität der Software-Lieferkette. Der Bericht der Europäischen Kommission zur Digital Decade zeigt zudem, dass Open Source bereits 70 bis 90 Prozent des Codes der digitalen Wirtschaft ausmacht. Öffentliche Verwaltungen müssen diese technologische Grundlage daher entweder aktiv steuern oder sie unkontrolliert als Bestandteil veralteter Systeme übernehmen.

Als Bindeglied zwischen Konsistenz und Flexibilität dient dabei immer öfter ein Enterprise-Open-Source-Ansatz. Einsehbarer Code und offene Standards geben Verwaltungen eine einheitliche Grundlage für den Betrieb ihrer Services, auch wenn sich Anforderungen verändern. Das gilt ebenso für den Einsatz in einem nationalen Rechenzentrum, einer lokalen Sovereign Cloud oder über einen Managed Service. Gleichzeitig wird die IT-Landschaft nicht an einen einzigen proprietären Technologie-Stack gebunden. Neben einheitlichen Vorgehensweisen bei der Entwicklung, Absicherung und dem Betrieb von Anwendungen, egal wo Workloads ausgeführt werden, ist die Flexibilität dabei die zweite tragende Säule. Sie stellt sicher, dass dieses Modell auch bei wachsenden Organisationen und sich verändernden Anforderungen funktioniert und der Betrieb aufrecht erhalten wird. Etwa dann, wenn sich ein Lieferantenvertrag oder geopolitische Rahmenbedingungen ändern.  

Lokale Partner machen offene Plattformen zu verlässlichen Lösungen

Nur wenige öffentliche Organisationen verfügen über ausreichend umfassende Kompetenzen in den Bereichen Plattformbetrieb und Security, um ihre Modernisierung vollständig allein umzusetzen. Digitale Souveränität entsteht daher nur selten durch die Zusammenarbeit mit einem einzelnen Anbieter. Lokale Cloud-Provider, Systemintegratoren und Managed-Service-Partner stehen Ministerien, Klinikverbünden oder Kommunen häufig näher als ein global agierendes Softwareunternehmen. Sie erbringen Managed Services, unterstützen bei der Umsetzung und beraten auf Grundlage lokaler rechtlicher Rahmenbedingungen und gewachsener Beziehungen. Und sie sind auch in fünf Jahren noch Ansprechpartner für den CIO.

Wie das im zivilen Bereich funktionieren kann, zeigt das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt am Main. Die föderierte Public-Health-Plattform GA-Lotse basiert auf Red Hat, während VSHN den laufenden Betrieb der Plattform übernimmt. Die Behörde muss diese Ebene daher nicht mit eigenen Ressourcen abdecken. Der Clou: Die einzelnen Stadtbezirke behalten ihre eigenen Anwendungen und Bürgerdaten. Frankfurt nutzt die Plattform für Untersuchungen im Vorschulbereich und Hygienekontrollen – mit einem jährlichen Volumen von 7.000 Gesundheitschecks und 45.000 zahnmedizinischen Untersuchungen. Open Source wird damit für eine öffentliche Organisation genau dann zur praktischen Realität, wenn ein lokaler Partner die Plattform betreiben, beraten und langfristig begleiten kann.

Martin Hosken ist Technical Director, Defence & National Security EMEA bei Red Hat.




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Open Government

Open Source Wettbewerb: Gewinner auf der SCCON ausgezeichnet

[19.10.2026] Der Open Source Wettbewerb für Behörden und öffentliche Institutionen hat seine Gewinner gekürt. Auf der Smart Country Convention in Berlin wurden Projekte aus Bund, Ländern und Kommunen in vier Kategorien ausgezeichnet. Erstmals gab es einen Preis für den Einsatz Künstlicher Intelligenz. mehr...

Open Source: Bedeutung für öffentliche Verwaltungen steigt

[16.10.2026] Eine SUSE-Umfrage zeigt wachsende Zustimmung zu Open-Source-Software in Behörden. Auf der Smart Country Convention 2026 wurde Markus Richter aus dem Bundesdigitalministerium für sein Engagement mit einem Sonderpreis der Open Source Business Alliance ausgezeichnet. mehr...

BVA: KI erleichtert die Datennutzung

[12.10.2026] Beim Fachforum des Bundesverwaltungsamts zeigten Ingolstadt und der Deutsche Wetterdienst, wie sich offene Daten und KI ergänzen. Die Stadt automatisiert die Beschreibung ihrer Datensätze, der Wetterdienst nutzt offene Daten für einen sprachbasierten KI-Assistenten. mehr...

bericht

Berlin: Open Source als Beschaffungsprinzip

[01.10.2026] Berlin will mit einer umfassenden Open-Source-Strategie seine digitale Souveränität stärken. Open Source soll dabei zum priorisierten Beschaffungsprinzip werden. Beim eGovernment-Wettbewerb 2026 erreichte das Land Berlin mit dem Projekt den dritten Platz in der Kategorie „Souveränität, Sicherheit und Stabilität digitaler Infrastrukturen“. mehr...

BlueMind: Präsenz in Deutschland wird ausgebaut

[22.09.2026] BlueMind will seine Aktivitäten auf dem deutschen Markt deutlich verstärken. Mit seiner Open-Source-Lösung für E-Mail und Collaboration positioniert sich das Unternehmen als europäische Alternative zu Microsoft Exchange. mehr...

bericht

35 Jahre Linux: Der Aufstieg von Open Source

[22.09.2026] Vor 35 Jahren erschien die erste Version von Linux. Was als Projekt eines finnischen Studenten begann, ist heute Teil der digitalen Basisinfrastruktur. Für den Public Sector bekommt offene Software inzwischen eine zusätzliche Bedeutung – als Instrument für digitale Souveränität, Resilienz und größere Wahlfreiheit. mehr...

Schleswig-Holstein: Staatskanzlei stellt auf Linux um

[22.09.2026] Mehr als 200 Beschäftigte der Kieler Staatskanzlei arbeiten inzwischen mit Linux. Schleswig-Holstein treibt damit den Aufbau eines digital souveränen IT-Arbeitsplatzes weiter voran. Als Nächstes sollen weitere Ministerien und Landesbehörden folgen. mehr...

Rote Bildfläche mit erhaben dargestellten Zufallszahlen

IT-Planungsrat: Datenqualität im Fokus

[04.08.2026] Der Stellenwert qualitativ hochwertiger Verwaltungsdaten wird zwar anerkannt – systematisch gesichert wird ihre Qualität aber nur selten. Eine Umfrage des IT-Planungsrats zeigt Defizite bei Zuständigkeiten, Standards und automatisierten Prüfungen. mehr...

Hand und Oberkörper einer jungen Frau, die ein Tablet und eine einmontierte schwebende Deutschlandkarte mit vernetzten Punkten hält.

BMDS: Online-Konsultation zu Open Data gestartet

[31.07.2026] Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung entwickelt den strategischen Rahmen für Open Data weiter. Eine neue Online-Konsultation soll bis September 2026 Vorschläge für bessere Datenbereitstellung, Nutzung und Vernetzung sammeln. mehr...

Lutz Goebel

NKR: Gutachten zum Datenrecht

[22.07.2026] Für den Zugang zu Daten und ihre Nutzung besteht inzwischen eine hochkomplexe Regelungslandschaft, in der sich selbst Fachleute kaum noch sicher bewegen können. Das belastet Unternehmen wie Verwaltungen. Der NKR empfiehlt systematische Überprüfungen und ein modulares Datengesetzbuch. mehr...

Hand und Oberkörper einer jungen Frau, die ein Tablet und eine einmontierte schwebende Deutschlandkarte mit vernetzten Punkten hält.

IT-PLR: Erste Schritte in Richtung föderales Datenmanagement

[10.07.2026] Eine effiziente Verwaltung braucht Daten – Daten, die nicht nur vorliegen, sondern die auch erschlossen und nutzbar sind. Im Schwerpunktthema Datennutzung des IT-Planungsrates werden dazu notwendige Rahmenbedingungen erarbeitet. Nun liegen erste Erkenntnisse für eine föderal vernetzte Datenlandkarte vor. mehr...

Rote Bildfläche mit erhaben dargestellten Zufallszahlen

Nordrhein-Westfalen: Portal Open.NRW wächst stetig

[10.06.2026] Innovative Apps, strategische Analysen oder neue Geschäftsideen: In Open Data steckt viel Potenzial. Dieses muss allerdings auch erschließbar sein – etwa durch Portale wie Open.NRW, wo inzwischen über 12.000 Metadaten und 100 High-Value-Datensätze zu finden sind. mehr...

Dirk Schrödter, offizielles Porträt vor weißem Hintergrund

Schleswig-Holstein: Datenhaus für bessere Entscheidungen

[01.06.2026] Mit dem Datenhaus Schleswig-Holstein stellt das Land zentrale Dateninfrastrukturen verwaltungsweit bereit. Eine neue Software soll Analyse und Visualisierung erleichtern, den Einführungsaufwand senken und ressort- sowie ebenenübergreifende Zusammenarbeit stärken. mehr...

Saarland: Aufbau von zentralem Open-Data-Portal

[20.05.2026] Das Saarland baut ein zentrales Open-Data-Portal für Verwaltungsdaten auf. Die Plattform soll Daten aus Land und Kommunen bündeln und damit Verwaltung, Forschung und Wirtschaft neue Möglichkeiten eröffnen. mehr...