Baden-WürttembergKomm.ONE fordert neue Dynamik

[06.07.2026] Die Verwaltungsdigitalisierung in Baden-Württemberg soll deutlich an Tempo gewinnen. Im Mittelpunkt stehen eine engere Zusammenarbeit zwischen Land und Kommunen, verlässliche Finanzierungsmodelle sowie eine stärkere Rolle des kommunalen IT-Dienstleisters bei der Umsetzung zentraler Digitalisierungsprojekte. Auch eine langfristige Annäherung an die Landes-IT BITBW schließen die Verantwortlichen nicht aus.

Die Verwaltungsdigitalisierung ist längst zu einer politischen Kernaufgabe geworden. Davon sind Roland Bernhard, Landrat des Landkreises Böblingen und Vorsitzender des Zweckverbands 4IT, sowie William Schmitt, Vorstandsvorsitzender von Komm.ONE, überzeugt. In einem Hintergrundgespräch am vergangenen Mittwoch (1. Juli 2026) in Stuttgart machten beide deutlich, dass die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung inzwischen weit über technische Fragen hinausgehe. Sie sei Voraussetzung für einen leistungsfähigen Staat und für das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in staatliches Handeln.

„Früher war das Thema politisch zweit- oder drittrangig“, sagte Bernhard. Heute wisse jeder auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, dass eine funktionierende digitale Verwaltung entscheidend sei. Gelinge die Modernisierung nicht, drohe langfristig ein Vertrauensverlust in die Handlungsfähigkeit des Staates.

Komm.ONE will stärker gestaltend auftreten

Mit dieser Entwicklung sieht sich auch Komm.ONE in einer neuen Rolle. Der kommunale IT-Dienstleister verstehe sich nicht mehr ausschließlich als Anbieter von Software oder Rechenzentrumsleistungen. Ziel sei vielmehr, als Servicebroker unterschiedliche Lösungen zusammenzuführen und Kommunen als zentraler Ansprechpartner durch den digitalen Wandel zu begleiten. Willam Schmitt machte deutlich, dass Eigenentwicklungen künftig nicht mehr im Mittelpunkt stünden. Stattdessen wolle Komm.ONE bewährte Lösungen integrieren und dort einsetzen, wo sie den Kommunen den größten Nutzen brächten. Entscheidend sei dabei, digitale Verwaltungsleistungen möglichst standardisiert und flächendeckend bereitzustellen.

Nach Einschätzung der Verantwortlichen gewinnt Komm.ONE auch politisch an Bedeutung. Erstmals sei der kommunale IT-Dienstleister bereits im Vorfeld der Koalitionsverhandlungen in Baden-Württemberg eingebunden worden. Im aktuellen Koalitionsvertrag werde Komm.ONE mehrfach ausdrücklich erwähnt. Bernhard wertet dies als Zeichen dafür, dass die kommunale Digitalisierung inzwischen auf Landesebene einen deutlich höheren Stellenwert einnimmt.

Engere Zusammenarbeit mit der Landes-IT

Ein zentrales Anliegen ist für Bernhard die engere Zusammenarbeit zwischen Komm.ONE und der Landesoberbehörde BITBW. Beide Organisationen kooperieren bereits beim Bau eines gemeinsamen Rechenzentrums in Renningen. Dieses Projekt betrachtet er als ersten Schritt einer langfristigen Annäherung. Perspektivisch könne daraus eine noch engere organisatorische Zusammenarbeit entstehen.

Ziel sei es, Doppelentwicklungen zwischen Landes- und Kommunal-IT zu vermeiden und vorhandene Ressourcen effizienter einzusetzen. Gemeinsame Beschaffungen, eine abgestimmte Lizenzstrategie und einheitliche technische Standards könnten nach seiner Einschätzung erhebliche Synergien schaffen. Schmitt betonte ebenfalls die Bedeutung gemeinsamer Strukturen. Digitalisierung lasse sich nur dann beschleunigen, wenn Land und Kommunen ihre Entwicklungen frühzeitig aufeinander abstimmten und vorhandene Lösungen gemeinsam nutzten.

Mehr Verbindlichkeit beim Onlinezugangsgesetz

Kritisch bewerten beide Gesprächspartner den bisherigen Verlauf der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG). Zwar seien zahlreiche digitale Angebote entstanden. Oft endeten diese jedoch an der „Bordsteinkante des Rathauses“, weil sie nicht durchgängig mit den Fachverfahren der Verwaltung verbunden seien. Nach Auffassung von Schmitt müsse der Fokus künftig stärker auf vollständigen Ende-zu-Ende-Prozessen liegen. Digitale Anträge müssten automatisch bis in die Fachverfahren hinein verarbeitet werden. Nur so entstünden tatsächliche Entlastungen für die Beschäftigten in den Verwaltungen.

Statt möglichst viele Online-Dienste bereitzustellen, plädiert Komm.ONE dafür, sich zunächst auf besonders häufig genutzte Verwaltungsleistungen zu konzentrieren. Dazu zählen beispielsweise die An- und Ummeldung von Wohnsitzen, Gewerbeanmeldungen oder Verfahren im Kfz-Bereich.

Registermodernisierung als Schlüsselprojekt

Eine zentrale Voraussetzung dafür sehen Bernhard und Schmitt in der Registermodernisierung. Ziel sei das Once-Only-Prinzip: Bürgerinnen und Bürger sollen ihre Daten künftig nur noch einmal angeben müssen. Anschließend sollen die erforderlichen Informationen zwischen den berechtigten Behörden ausgetauscht werden. Nach Einschätzung von Komm.ONE fehlen bislang jedoch bundesweit einheitliche Architekturen und technische Standards. Ohne diese Grundlagen bestehe die Gefahr neuer Insellösungen.

Großen Handlungsbedarf sehen beide Gesprächspartner auch bei der Finanzierung der Digitalisierung. Kurzfristige Projektförderungen erschwerten eine nachhaltige Planung. Bernhard fordert deshalb mehrjährige Finanzierungszusagen. „Wir brauchen mindestens drei Jahre Finanzierungssicherheit“, sagte er. Digitalisierung lasse sich nicht in kurzen Projektzyklen organisieren. Gleichzeitig müssten Kommunen die erzielten Effizienzgewinne stärker nutzen, um den zunehmenden Fachkräftemangel zu bewältigen. Auch Schmitt sprach sich für langfristige Finanzierungsmodelle aus. Digitalisierung dürfe nicht davon abhängen, ob Fördermittel nach wenigen Monaten ausgeschöpft seien.

Digitale Souveränität gewinnt an Bedeutung

Breiten Raum nahm im Gespräch außerdem die digitale Souveränität ein. Angesichts geopolitischer Entwicklungen und wachsender Cyber-Bedrohungen müsse Deutschland unabhängiger von internationalen Technologieanbietern werden. Schmitt sprach sich dafür aus, europäische Cloud-Infrastrukturen und offene Standards konsequent weiterzuentwickeln. Gleichzeitig müsse der Staat stärker als bisher eigene digitale Infrastrukturen fördern. Dabei gehe es nicht darum, bestehende Lösungen kurzfristig vollständig zu ersetzen, sondern schrittweise Alternativen aufzubauen und Wechselmöglichkeiten zu schaffen.

Kooperation statt Konkurrenz

Auch die Zusammenarbeit der kommunalen IT-Dienstleister habe sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Während früher häufig parallele Entwicklungen entstanden seien, wachse inzwischen die Bereitschaft zur Kooperation. Der Grund liege vor allem in der steigenden Komplexität neuer Technologien wie Cloud-Plattformen, Künstlicher Intelligenz oder Cyber-Sicherheit. Nach Ansicht von Schmitt werde künftig kein kommunaler IT-Dienstleister diese Herausforderungen allein bewältigen können. Gemeinsame Entwicklungen seien wirtschaftlicher und ermöglichten eine schnellere Umsetzung.

Für Bernhard steht deshalb fest, dass Baden-Württemberg die Chance habe, bundesweit eine Vorreiterrolle einzunehmen. Voraussetzung sei jedoch, dass Land, Kommunen und ihre IT-Dienstleister künftig enger zusammenarbeiten und gemeinsame Standards konsequent umsetzen.

Alexander Schaeff




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik

Hessen: Positive Halbzeitbilanz

[05.10.2026] Hessen zieht eine positive Halbzeitbilanz seines Pilotprojekts mit dem Bundesdigitalministerium zur flächendeckenden Einführung digitaler Verwaltungsleistungen. Bei der An- und Ummeldung sind bereits mehr als 90 Prozent der Kommunen angeschlossen. mehr...

Composite in Blautönen: Geschäftsfrau tippt auf Smartphone, Laptop und Notebook auf einem Tisch. Overlay mit Ordnern mit Dokumentensymbolen.

Saarland: Fünf Leistungen schneller in die Fläche

[05.10.2026] Fünf weitere Verwaltungsleistungen sollen im Saarland innerhalb von neun Monaten flächendeckend digital verfügbar sein. Der Ministerrat hat grünes Licht für die Teilnahme des Saarlandes am Bundesprogramm „Flächendeckung digitale Verwaltungsleistungen“ gegeben. mehr...

Bayern/Hessen: Digital-Roundtable geplant

[01.10.2026] Bayern und Hessen wollen die Zusammenarbeit der Länder bei Innovation und Wachstum stärken. Für die Veranstaltung Bits & Pretzels 2027 ist ein Roundtable der Digitalministerinnen und Digitalminister geplant. mehr...

Schwarz-weiß Bild: Blick ins manuell geführte KfZ-register in Flensburg, Großraumbüro

Deutscher Städtetag: i-Kfz-Bund greift zu kurz

[28.09.2026] Der Deutsche Städtetag hält die geplante Zentralisierung der Kfz-Zulassung beim Bund für unzureichend. Der Bund wolle vor allem bereits digitalisierte Standardverfahren übernehmen, während aufwendige Fälle bei den Kommunen blieben. Eine spürbare Entlastung sei so kaum zu erwarten. mehr...

Thüringen / Schleswig-Holstein: Digital-Kooperation wird vertieft

[23.09.2026] Thüringen und Schleswig-Holstein wollen bei der Digitalisierung ihrer Landesverwaltungen enger zusammenarbeiten. Im Mittelpunkt stehen Dateninfrastrukturen, Registermodernisierung, Open Source, souveräne KI-Lösungen und länderübergreifende Netzwerke. mehr...

IT-Planungsrat: Weichen für Deutschland-Stack gestellt

[21.09.2026] Bund und Länder haben zentrale Zuständigkeiten für den Deutschland-Stack festgelegt. Der Bund übernimmt mit Unterstützung der FITKO die Verantwortung für fünf Basiskomponenten der föderalen Digitalinfrastruktur. mehr...

Das passende Vorgehensmodell zu wählen

Hessen: Land fördert Low Code für Kommunen

[17.09.2026] Der Main-Kinzig-Kreis will die Open-Source-Plattform Limbas für den Einsatz in Kommunalverwaltungen weiterentwickeln. Das Land Hessen unterstützt das Projekt OSLOCO-Hessen mit rund 1,3 Millionen Euro. Verwaltungen sollen damit eigene Anwendungen ohne spezielle Programmierkenntnisse erstellen können. mehr...

Sachsen-Anhalt: Erste Bilanz der Digitalstrategie

[16.09.2026] Sachsen-Anhalt will die Digitalisierung von Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft bis 2030 systematisch vorantreiben. Die Strategie „Sachsen-Anhalt Digital 2030“ setzt dabei auf digitale Verwaltungsangebote, vernetzte Smart Regions, digitale Souveränität und nachnutzbare Lösungen. mehr...

Thüringens Digitalminister Steffen Schütz im Dialog mit Bürgern

Thüringen: Im Digital Dialog mit Bürgern

[14.09.2026] Unter dem Motto „Mitreden. Nachfragen. Mitgestalten“ fand kürzlich im Festsaal Schloßvippach der Auftakt zur Gesprächsreihe „Digital Dialog – Thüringen digital verstehen“ statt. mehr...

Bundesdigitalminister Karsten Wildberger spricht im Bundestag.

Bund: Eine Milliarde Euro für Verwaltungsdigitalisierung

[09.09.2026] Der Bund will die Verwaltungsdigitalisierung weiter vorantreiben. Im Haushaltsentwurf sind dafür rund eine Milliarde Euro vorgesehen. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger kündigte zudem weitere Schritte beim Deutschland-Stack, bei digitalen Verwaltungsleistungen und der Deutschland-App an. mehr...

Wehende Brandenburg-Flagge mit dem Landeswappen, das einen Adler zeigt.

Brandenburg: Breiter Dialog für neue Digitalstrategie

[07.09.2026] Brandenburg bezieht Verbände, Bürgerinnen und Bürger sowie Kommunen in die Erarbeitung der neuen Digitalstrategie ein. Nach Online-Befragung und Verbändeanhörung folgt im September ein Kommunalworkshop. Die Strategie soll bis Ende 2026 verabschiedet und veröffentlicht werden. mehr...

Porträt Anke Pörksen

Niedersachsen: Neue Strukturen bringen Digitalisierung voran

[04.09.2026] Ein Jahr nach der Neuordnung seiner Digitalpolitik zieht Niedersachsen eine positive Bilanz: Zuständigkeiten wurden neu geordnet, Strukturen geschaffen, wichtige Fortschritte sind sichtbar. Nun sollen Verwaltungsdigitalisierung, KI und Cyber-Sicherheit weiter vorankommen. mehr...

Gruppenbild im Scdhlosspark

Digitalpolitik: Kabinettsklausur in Neuhardenberg

[31.08.2026] Bei ihrer Kabinettsklausur in Neuhardenberg beriet die Bundesregierung unter anderem über industrielle KI, digitale Souveränität und Bürokratieabbau. Mit weniger Berichtspflichten sowie schnelleren Genehmigungen und Unternehmensgründungen will sie die Wirtschaft entlasten. mehr...

Blick vom Spreeufer auf das Reichstagsgebäude.

Bundeshaushalt 2027: Digitaletat steigt auf 1,44 Milliarden Euro

[27.08.2026] Der Haushaltsentwurf 2027 sieht für das Bundesdigitalministerium höhere Ausgaben für die IT-Infrastruktur und mehr Mittel aus dem Sondervermögen vor. Schwerpunkte sind Breitbandausbau und Verwaltungsdigitalisierung. Bei Mobilfunk und Registermodernisierung wird dagegen gekürzt. mehr...

Luftaufnahme Berlin, Blick über die Museumsinsel auf den Alexanderplatz

Bitkom: Wie digital sind Berlins Parteien?

[24.08.2026] Welche Berliner Parteien passen bei digitalpolitischen Fragen zu den eigenen Positionen? Zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September gleicht der neue Bitkomat die Antworten der Nutzerinnen und Nutzer auf 20 Thesen mit den Angaben der im Parlament vertretenen Parteien ab. mehr...