Tallinn Digital SummitEstland macht e-Residency mobil

[06.11.2026] Estland will die Gründung von Unternehmen aus dem Ausland weiter vereinfachen. Ab 2028 soll das e-Residency-Programm vollständig ohne physische ID-Karte funktionieren. Gleichzeitig arbeitet das Land an einem staatlich gestützten Identitätsmodell für KI-Agenten, die künftig im Auftrag von Bürgern und Unternehmen digitale Verwaltungsleistungen nutzen können.

Tallinn Digital Summit in der estnischen Nationalbibliothek: Estland stellt ein neues Modell zur digitalen Identifizierung und Autorisierung von KI-Agenten vor.

(Bildquelle: K21 media GmbH)

Die Republik Estland treibt die nächste Entwicklungsstufe seiner digitalen Verwaltung voran. Auf einem Presseabend im Rahmen des Tallinn Digital Summit am 5. November 2026 stellte das e-Residency-Programm Pläne für eine vollständig mobile digitale Identität und die sichere Einbindung autonomer KI-Agenten in staatliche und private Online-Dienste vor. Beide Vorhaben sollen digitale Geschäftsprozesse vereinfachen und Estlands Position als internationaler Standort für digitale Unternehmen stärken.

Mehr als 145.000 e-Residents weltweit

Das 2014 gestartete e-Residency-Programm ermöglicht Menschen aus aller Welt, mithilfe einer staatlich ausgestellten digitalen Identität ein Unternehmen in Estland zu gründen und weitgehend ortsunabhängig zu führen. Bislang haben sich mehr als 145.000 Menschen aus 187 Ländern registriert. Rund 67.000 verfügen über eine aktive digitale Identität. Deutschland gehört neben der Ukraine, Spanien, Finnland und Frankreich zu den fünf wichtigsten Herkunftsländern.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Programms wächst. Mehr als 45.000 estnische Unternehmen wurden bisher von e-Residents gegründet. Damit geht inzwischen etwa jede fünfte Unternehmensgründung in Estland auf das Programm zurück. Von den 2024 und 2025 gegründeten estnischen Start-ups weisen nach Angaben des Programms 48 Prozent eine Verbindung zu e-Residents auf.

Im Jahr 2025 erzielte der estnische Staat durch das Programm direkte Einnahmen von fast 125 Millionen Euro, 87 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit dem Start summiert sich der direkte wirtschaftliche Nutzen nach offiziellen Angaben auf rund 457 Millionen Euro. In den ersten sieben Monaten 2026 kamen weitere 57,6 Millionen Euro an staatlichen Einnahmen hinzu.

Ab 2028 vollständig ohne physische ID-Karte

Mit einer am 28. Oktober 2026 vom estnischen Parlament verabschiedeten Gesetzesänderung soll die e-Residency schrittweise auf eine mobile Lösung umgestellt werden. Bereits ab dem 2. März 2027 soll die Identitätsprüfung online erfolgen. Antragsteller können dann den Chip ihres biometrischen Reisepasses über eine mobile Anwendung auslesen lassen. Ein Live-Gesichtsscan dient dem Abgleich mit den Passdaten. Zusätzliche Sicherheitsmechanismen sollen manipulierte Bilder und Deepfakes erkennen. Die digitale ID-Karte muss in dieser Übergangsphase allerdings weiterhin persönlich abgeholt werden.

Zum 1. März 2028 soll die physische Karte vollständig durch eine mobile elektronische Identität ersetzt werden. Damit entfällt auch die bisher erforderliche Reise zu einer estnischen Botschaft oder einer anderen Ausgabestelle. Die durchschnittliche Dauer von der Antragstellung bis zur Gründung eines funktionsfähigen Unternehmens könnte sich dadurch von derzeit rund zwei Monaten auf zwei bis drei Wochen verkürzen. 

Nach Berechnungen des e-Residency-Programms könnten durch die Vereinfachung jährlich bis zu 700 zusätzliche Unternehmen entstehen. Die erwarteten zusätzlichen Steuereinnahmen werden mittelfristig auf drei bis neun Millionen Euro jährlich geschätzt. An den Sicherheitsprüfungen soll sich grundsätzlich nichts ändern. Voraussetzung bleibt ein gültiger biometrischer Reisepass. Zudem werden alle Antragsteller weiterhin durch die estnische Polizei- und Grenzschutzbehörde überprüft.

Staatliche Identität für KI-Agenten geplant

Parallel zur Weiterentwicklung der e-Residency arbeitet Estland an einem neuen Modell zur digitalen Identifizierung und Autorisierung von KI-Agenten. Ziel ist es, staatliche und private digitale Dienstleistungen künftig auch für KI-Systeme zugänglich zu machen, die im Auftrag von Menschen oder Unternehmen handeln. Dafür bereiten mehrere Ministerien gemeinsam mit der Privatwirtschaft einen sogenannten Agenten-Code vor. Diese digitale Kennung soll KI-Agenten einer bestimmten Person zuordnen und ihnen ermöglichen, innerhalb festgelegter Berechtigungen auf digitale Dienste zuzugreifen.

Nach dem derzeitigen Konzept sollen sämtliche Handlungen eines Agenten unter diesem Code der jeweiligen Person zugerechnet werden. Die Verantwortung für die Aktivitäten des KI-Systems würde damit grundsätzlich beim menschlichen Auftraggeber liegen. Die Registrierung soll freiwillig sein und estnischen Staatsbürgern, Einwohnern sowie e-Residents offenstehen. Anbieter digitaler Dienstleistungen können selbst entscheiden, ob sie den Zugriff durch KI-Agenten zulassen.

KI-Agenten sollen Steuererklärungen einreichen können

Ein wesentliches Element des Konzepts ist die Möglichkeit, die Befugnisse eines KI-Agenten individuell zu begrenzen. Nutzer sollen beispielsweise festlegen können, ob ein Agent lediglich Informationen abrufen, Dokumente vorbereiten oder auch verbindliche Transaktionen auslösen darf. Dabei sind finanzielle und organisatorische Grenzen vorgesehen, innerhalb derer KI-Agenten eigenständig handeln können.

Für die erste Erprobung sind drei Anwendungsbereiche geplant:

  • Gesundheitswesen: KI-Agenten sollen Gesundheitsdaten abrufen und analysieren können.
  • Steuerverwaltung: KI-Agenten sollen Steuererklärungen vorbereiten und einreichen können.
  • Bankwesen: KI-Agenten sollen Online-Banking-Funktionen nutzen und Transaktionen innerhalb festgelegter Grenzen ausführen können.

Damit könnte sich die Rolle digitaler Verwaltungsdienste grundlegend verändern. Während Bürger heute Online-Portale selbst bedienen, könnten künftig KI-Agenten einzelne Verwaltungsvorgänge im Auftrag ihrer Nutzer übernehmen. Offen bleibt allerdings, wie Haftungsfragen, die Kontrolle automatisierter Handlungen und der Widerruf von Berechtigungen im Detail geregelt werden. Der Agenten-Code befindet sich noch in der Entwicklung.

Bestandteil der nationalen KI-Strategie eesti.ai

Die geplante Agenten-Identität ist Teil der nationalen KI-Initiative eesti.ai. Mit ihr verfolgt Estland das Ziel, Künstliche Intelligenz systematisch in Wirtschaft, Gesellschaft und öffentlicher Verwaltung einzusetzen. Die wirtschaftlichen Zielsetzungen sind ambitioniert: Bis 2035 soll sich der Wert der von Menschen in Estland geleisteten Arbeit verdoppeln. Gleichzeitig strebt das Land innerhalb von fünf Jahren ein Wirtschaftswachstum von 25 Prozent und innerhalb von zehn Jahren von 50 Prozent an.

Mit digitaler Identität, elektronischen Signaturen und der Datenaustauschplattform X-Road hat Estland bereits wesentliche Grundlagen seiner digitalen Verwaltung geschaffen. Die staatlich unterstützte Identität für KI-Agenten soll daran anknüpfen. Die estnische Regierung sieht darin die Möglichkeit, internationale Standards für vertrauenswürdige KI-Agenten mitzugestalten. Das Vorhaben könnte auch für andere europäische Staaten von Bedeutung werden, die den Einsatz autonomer KI-Systeme in der öffentlichen Verwaltung vorbereiten.

Alexander Schaeff




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