Serie OZGHinter den Toren

[06.04.2020] Das Onlinezugangsgesetz betrifft auch die Fachverfahren: Die Hersteller müssen sie an die neuen Online-Dienste anpassen und fordern Unterstützung bei der Entwicklung und Einrichtung von Standards und Schnittstellen.
OZG hat nur Front End im Blick.

OZG hat nur Front End im Blick.

(Bildquelle: Visual Generation/stock.adobe.com)

Das Onlinezugangsgesetz (OZG) entstand 2017 vor dem Hintergrund, dass bereits vorhandene digitale Verwaltungsleistungen nur ungenügend von Bürgern genutzt wurden. Jahr für Jahr wiesen die einschlägigen Studien und Branchenmonitore bescheidene Anwendungszahlen für Deutschland aus, und man erklärte sich das mangelnde Interesse an den digitalen Services damit, dass diese den Bürgern gar nicht bekannt sind. Mit dem OZG und einer dezidierten Nutzerorientierung bei der Umsetzung soll sich nun alles ändern.
575 Online-Dienste, Serviceportale in allen Bundesländern und die Verknüpfung der Portale zum Verbund – dieses Aufgabenspektrum beschreibt das OZG. Es umfasst das so genannte Front End – Verwaltungsdienste, die von Bürgern online zu Hause genutzt werden können. Womit sich das OZG ausdrücklich nicht befasst, ist das Back End: all jene Fachverfahren, die in Verwaltungen genutzt werden, um Bürgeranliegen IT-gestützt weiterverarbeiten zu können. Das OZG macht sozusagen vor den Toren der Verwaltung halt.

Gesamtprozess im Blick haben

Dabei ist das Ideal der künftigen Verwaltung ein Prozess, der durchgängig digital funktioniert, von der Eingabe am heimischen Computer über das jeweilige Fachverfahren in den Verwaltungen bis hinein in die Register und die elektronischen Akten. Einer der meistgenutzten Online-Dienste ist der Antrag auf Erteilung einer Meldebestätigung. Würde dies per E-Mail geschehen und müsste ein Verwaltungsmitarbeiter die Bürgerdaten händisch in das Software-Programm eintippen, könnte der Bürger, betrachtet man den Prozessaufwand, gleich persönlich zum Amt gehen und sich die Meldebestätigung abholen, wie es ja vielerorts noch üblich ist. „Einen solchen Prozess nicht an ein Einwohnermeldeverfahren zu koppeln, würde nicht nur die Digitalisierung auf den Kopf stellen, sondern dazu führen, dass die Prozesse langwieriger und aufwendiger wären als in der vordigitalen Welt“, sagt Rudolf Schleyer, Vorstandsvorsitzender der Anstalt für Kommunale Datenverarbeitung in Bayern (AKDB). Man müsse nicht nur die Schnittstelle zum Bürger betrachten, sondern den Gesamtprozess inklusive der Tätigkeit der Verwaltungsmitarbeiter.

Von innen nach außen entwickelt

Als Anbieter und Entwickler ist die AKDB seit vielen Jahren im Bereich der Fachverfahren tätig und hat schon Online-Dienste entwickelt, lange bevor es das OZG gab. Bereits 2006 hat das Haus eine Auszeichnung für die Barrierefreiheit seiner Kfz-Dienste erhalten. „Schon vor dem OZG hatten wir etwa 65 Online-Dienste im Angebot, die selbstverständlich eine durchgängige Bearbeitung erlauben“, erläutert Gudrun Aschenbrenner, Mitglied des Vorstands der AKDB. Dabei habe die AKDB stets „von innen nach außen“ entwickelt. Will heißen: Ausgehend vom jeweiligen Fachverfahren, das vor allem die gesetzlichen Bestimmungen abbilden muss, sind sowohl die Bedienmasken für die Verwaltungsmitarbeiter als auch der Online-Zugang für Bürger gleich mitentwickelt worden.
Die Erteilung einer Meldebestätigung könnte sogar, wenn es rechtlich zulässig wäre, ein vollautomatischer Prozess sein: Der Bürger gibt die notwendigen Daten für den Antrag ein, das Fachverfahren prüft alle Plausibilitäten, und wenn auch noch eine E-Payment-Funktion integriert ist, kann die Meldebestätigung dem Bürger per E-Mail zugestellt oder in dessen Nutzerkonto hinterlegt werden.
Problematisch wird es dort, wo Anträge über Ländergrenzen hinweg von Verwaltung zu Verwaltung gelangen. Das föderale Deutschland ist geprägt von heterogenen IT-Strukturen. Unter den Bedingungen des geplanten Portalverbunds muss jedoch eine Interoperabilität gewährleistet sein. Ein in Kiel gestellter Antrag auf Ummeldung muss fehlerfrei in München oder Stuttgart ankommen, ohne dass dies von Mitarbeitern geprüft werden müsste. „Heutige Fachverfahren bringen ihre eigenen Online-Dienste mit, die aber nicht unbedingt kompatibel mit Online-Diensten in anderen Portalen sind“, erklärt Rudolf Schleyer. „Der Entwicklungsaufwand ist hier relativ groß, weil es keine Standards für die Datenübergabe aus Online-Diensten hin zu Fachverfahren gibt.“

Rechtliche Rahmenbedingungen müssen angepasst werden

Unter den Herstellern von Fachverfahren rumort es, denn an ihnen bleibt die Arbeit hängen. Stephan Hauber, Geschäftsführer der Firma HSH, kritisiert ebenfalls den Mehraufwand, der entsteht, wenn für die unterschiedlichen Serviceportale in den Bundesländern je eigene Schnittstellen angefertigt werden müssen. HSH ist Marktführer im Bereich Meldewesen und betreut rund 3.000 Meldebehörden bundesweit mit einer Fachanwendung. Auch Hauber betont die Notwendigkeit verlässlicher, qualitativ hochwertiger Standards. Und er hält von den Digitalisierungslaboren recht wenig: „Die Digitalisierungslabore arbeiten zum Teil Dinge auf, die es schon gibt. Gerade für die bürgerintensiven Verfahren, etwa das Meldewesen, gibt es überall schon Lösungen. Hier mangelt es nicht an Ideen, sondern an rechtlichen Rahmenbedingungen.“ Bei einer Ummeldung hapert es beispielsweise daran, dass ein Aufkleber auf dem Personalausweis angebracht und die Daten auf dem Chip geändert werden müssen, was rechtlich bislang nur den Meldebehörden vorbehalten ist. Dabei wären durchaus andere technischen Lösungen denkbar.

Vorhandene Standards nutzen

Die Digitalisierungslabore nehmen zwar notwendige Rechtsänderungen mit in den Blick, doch ob ihre Ergebnisse dann aus einem Guss sind, wird zumindest von den alten Platzhirschen bezweifelt. Ihnen ist auch das Föderale Informationsmanagement (FIM) ein Dorn im Auge. Dieses versucht, neue Standards für Formulare und Prozesse zu etablieren. „Im Meldewesen kennt man seit fast 20 Jahren einen Standard, das ist XMeld“, sagt Hauber. „Nun kommt das OZG und versucht hier FIM überzustülpen. Das halte ich für überflüssig. Man sollte es bei Standards, die gut funktionieren, belassen, und in Segmenten, wo es keine Standards gibt, möglichst schnell welche entwickeln.“
Auch bei der AKDB wird in den XÖV-Produkten, die von der Bremer Koordinierungsstelle für IT-Standards (KoSIT) entwickelt werden, eine gute Ausgangsbasis für bundesweite Einheitlichkeit gesehen. XBau, XMeld, XKfz oder XRechnung sind vorhandene, noch nicht weitverbreitete Standards für digitale Verwaltungsdienste in den Bereichen Bauaufsicht, Meldewesen, Kfz-Zulassung und Rechnungswesen. Diese nun flächendeckend mit verschiedenen Fachverfahren, Online-Diensten und unterschiedlichen Portalanbietern zusammenzubringen, ist das Gebot der Stunde, verlangt aber viel Energie. Rudolf Schleyer: „Es ist im Interesse aller Fachverfahrenshersteller, dass der Aufwand bei der Entwicklung minimiert wird. Deswegen brauchen wir einheitliche Schnittstellendefinitionen, und wir brauchen auch eine größere Power bei den Definitionen. Hier sind der IT-Planungsrat und die FITKO gefordert.“ Und Gudrun Aschenbrenner fügt hinzu: „Wenn man die Mittelverteilung betrachtet, ist festzustellen, dass für Standardisierungsprozesse noch nicht so viel vorgesehen ist. Hier müsste nachgesteuert werden.“

Helmut Merschmann




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Panorama
Nahaufnahme einer Person (Torso) mit grünem Pullover, die an einem Holztisch sitzt und mit dem Smartphone hantiert.

Thüringen: Projekt „Amsel“ auf der Zielgeraden

[29.07.2026] Thüringens Finanzämter haben mehr als 50.000 Vorschläge für eine Einkommensteuerfestsetzung ohne vorherige Steuererklärung verschickt. Rund ein Drittel der Angeschriebenen hat dem Verfahren bislang zugestimmt. mehr...

Nüchternes Büro mit einigen herumstehenden Personen im Hintergrud, vorne auf dem Tisch laptop mit E-Learning-Log-In-Screen

Studie: Digitale Weiterbildung im Public Sector

[27.07.2026] Digitale Selbstlernangebote werden im öffentlichen Dienst bislang kaum systematisch genutzt. Eine Studie für den IT-Planungsrat sieht die größten Hürden nicht bei Zertifikaten, sondern bei fehlenden Kompetenzmodellen, Prozessen und technischen Strukturen. mehr...

Rechenzentrum von innen, Blick in eine Gasse mit blau beleuchteten Server-Racks.

Hessen/Rheinland-Pfalz: Gemeinsames Fundament für die Steuer-IT

[23.07.2026] Hessen stellt der rheinland-pfälzischen Steuerverwaltung mehr als 400 Quadratmeter Rechenzentrumsfläche in Frankfurt bereit. Eine langfristige Kooperation soll zudem gemeinsame Vorhaben bei Cloud-Infrastrukturen, KI und automatisierten Steuerverfahren ermöglichen. mehr...

Mehrere Menschen stehen vor einem Aufsteller mit der Aufschrift „Startuphafen SH“.

Schleswig-Holstein: Schnell ein Unternehmen gründen

[10.07.2026] Eine von acht Pilotregionen beim bundesweiten BMDS-Projekt „Schneller Gründen“ ist Nordfriesland. Der dort entwickelte Startuphafen bündelt Informationen und Verwaltungsangebote zur Unternehmensgründung – und soll bald weiteren Städten und Kreisen im Land zur Verfügung stehen. mehr...

Ein roter Bauhelm liegt auf dem Asphaltboden, im Hintergrund unscharf eine Baustelle.

Niedersachsen: Bauleitplanung landesweit digital

[08.07.2026] Niedersachsen hat für seine Kommunen flächendeckend das digitale Verfahren DiPlanCockpit PRO für die Bauleitplanung eingeführt. Das neue Online-System soll Planungsverfahren schneller und einfacher machen. mehr...

Mutter spielt mit den Füßen eines Neugeborenen

GovTech Deutschland: Elterngeldverfahren föderal nachnutzen

[06.07.2026] Das Elterngeldverfahren steht perspektivisch auf der Deutschlandplattform zur föderalen Nachnutzung zur Verfügung. Die von GovTech Deutschland verantwortete Migration zeigt, wie bestehende Verwaltungsverfahren effizient und in kurzer Zeit auf eine moderne Plattformarchitektur überführt werden können. mehr...

Nahaufnahme eines Mannes, der eine Angel in der Hand hält vor grünem Hintergrund

Nordrhein-Westfalen: Fischereischein fürs Smartphone

[06.07.2026] Wer in Nordrhein-Westfalen den Fischereischein erwirbt, erhält diesen künftig im modernen Scheckkartenformat oder als elektronisches Zertifikat auf dem Smartphone. mehr...

Drei Verkehrsschilder (Abbiegen) gegen blauen Himmel aufgenommen

Baden-Württemberg: Kataster für Verkehrszeichen

[03.07.2026] Baden-Württemberg digitalisiert die Verwaltung seiner Verkehrszeichen. Ein neues Kataster soll Anordnung, Pflege und Auswertung der Schilder medienbruchfrei unterstützen und die Daten zugleich für Planung, Forschung und Mobilitätsanwendungen öffnen. mehr...

Festlich gedeckte Tafel, ein paar formell gekleidete Menschen, hinten Projektionsfläche

NEGZ/msg: Rückblick auf das Erfurter Digitalisierungsgespräch

[03.07.2026] Mit seinen Digitalisierungsgesprächen bringt das NEGZ Fachleute aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Beim jüngsten Termin in Erfurt ging es unter anderem um das Spannungsfeld zwischen technologischer Unabhängigkeit, effizienten Verwaltungsprozessen und rechtlichen Rahmenbedingungen. mehr...

Aus Code-Bausteinen neue Anwendungen zusammensetzen.

IT-Planungsrat: Ein Designsystem für Bund und Länder

[02.07.2026] Der IT-Planungsrat nimmt den offenen Standard KERN UX in sein Portfolio auf. Das von Hamburg und Schleswig-Holstein initiierte Projekt soll digitale Verwaltungsdienste nutzerfreundlicher, konsistenter und – zusammen mit der Digitalen Dachmarke – wiedererkennbarer machen. mehr...

Außenaufnahme: Wiese mit mehreren Männern in Uniform, auf dem Boden eine weiße Markierung.

Bitkom: Bundeswehr-Reserve muss digitaler werden

[02.07.2026] Das Bundeskabinett hat ein Gesetz zur Stärkung der Bundeswehr-Reserve beschlossen. Aus Sicht des Bitkom genügt Personalaufwuchs jedoch nicht für die Einsatzfähigkeit. Die Nutzung digitaler Technologien – von Apps über digitale Identität bis VR – müsste systematisch vorangetrieben werden. mehr...

Nahaufnahme eines Papierstapels auf einem Schreibtisch

Berlin: Zuwendungen sollen schneller fließen

[29.06.2026] In Berlin sollen eine moderne Software für digitale Anträge und eine neue Datenbank für Förderprogramme künftig dafür sorgen, dass mögliche Zuwendungen im Sozialbereich schneller und mit weniger Bürokratie vergeben werden können. Auch ein neues IT-Fachverfahren soll eingeführt werden. mehr...

Screenshot Website Digitale Dachmarke

BMDS: Alles zur Digitalen Dachmarke an einem Ort

[24.06.2026] Eine zentrale Webseite bündelt künftig Informationen zur Digitalen Dachmarke, ihren Kennzeichnungselementen und der Beantragung. Damit soll der einheitliche Auftritt staatlicher Online-Angebote von Bund, Ländern und Kommunen breiter unterstützt werden. mehr...

Frauenhände, die ein Mikro, eine Kamera und Zeitungen hochhalten vor rosa Hintergrund

NEGZ: Woher nehmen Fachleute ihr Digitalwissen?

[19.06.2026] Mit dem Thema Verwaltungsdigitalisierung befasst sich inzwischen eine ganze Reihe von Print- und Online-Publikationen sowie Podcasts. Das NEGZ will nun wissen, welche Medien von Fachleuten gelesen oder gehört werden. Die Umfrage ist in unter fünf Minuten zu schaffen. mehr...

Hessen: Immissionsschutz-Anträge werden digital

[15.06.2026] Hessen treibt die Digitalisierung von Genehmigungsverfahren weiter voran: Zum Jahreswechsel soll die Antragstellung im Bereich des Bundes-Immissionsschutzgesetzes ausschließlich über den Dienst ElIA-Online erfolgen. mehr...