DigitalisierungIT-Budgets zusammenziehen

[17.12.2024] Dr. Martin Hagen, Staatsrat beim Senator für Finanzen in der Freien Hansestadt Bremen, spricht über seine Vorschläge zur Registermodernisierung und fordert mehr Zentralisierung bei der Steuerung und Budgetierung von IT-Großprojekten.
martin-Hagen_bremen

Dr. Martin Hagen, Staatsrat beim Senator für Finanzen in der Freien Hansestadt Bremen

(Bildquelle: Senator für Finanzen, Freie Hansestadt Bremen)

Herr Dr. Hagen, Sie sprechen sich für eine Deutschland-App aus, die Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen bei Verwaltungskontakten per Smartphone unterstützen soll. Geht es Ihnen dabei um mehr Zentralisierung?

Ich glaube, dass wir bei der Digitalisierung einen Punkt erreicht haben, wo wir die Kleinstaaterei hinter uns lassen müssen. Mit den existierenden EfA-Leistungen haben wir demonstriert, dass wir mit einer Lösung alle Bürgerinnen und Bürger und die Unternehmen in Deutschland erreichen können. Diesen Weg sollten wir jetzt konsequent weitergehen. In einzelnen Bundesländern gibt es zwar noch eigene, alternative Lösungen, doch insgesamt kommen wir nur mit dem Einer-für-Alle-Prinzip voran, weil es eben wirtschaftlicher ist. Diese klare Botschaft müssen wir aussenden.

Sollen alle EfA-Dienste in die App eingebunden werden oder lediglich eine Top Ten?

Das wird eine evolutionäre Entwicklung sein. Wichtig ist, ein klares Zielbild zu formulieren: Wenn eine neue digitale Leistung entsteht oder eine bestehende Leistung neu angefasst und auf ein neues Framework portiert werden soll, dann ist das der Zeitpunkt, sie für die Deutschland-App anzupassen. 

Sie hatten unlängst im IT-Planungsrat zusammen mit Bernd Schlömer, dem CIO von Sachsen-Anhalt, einen Vorschlag zur Registermodernisierung gemacht. Wie sah der aus?

Sachsen-Anhalt und wir in Bremen, so wie alle anderen Bundesländer auch, verfolgen dasselbe Ziel: Wir wollen die Registermodernisierung so schnell wie möglich umsetzen. Auf der Sitzung des IT-Planungsrates stand nicht dieses Ziel, sondern der schnellste Weg dorthin zur Diskussion. Unser Vorschlag sah vor, die Steuerung und alleinige Finanzierung für das National-Once-Only-Technical-System (NOOTS), das Verbindungsnetz zwischen den einzelnen Verwaltungsregistern, beim Bund anzusiedeln. Einige Bundesländer konnten sich das ohne Verfassungsänderung nicht vorstellen. Wir hingegen haben für eine – zugegeben mutige – Auslegung des Grundgesetz-Artikels 91c Absatz 4 plädiert, wonach der Bund für die Errichtung eines Verbindungsnetzes zwischen Bund und Ländern zuständig ist. Das NOOTS ist ja ein Verbindungsnetz. Deshalb bräuchte man aus unserer Sicht an dieser Stelle keine Gesetze ändern. Dieser Auffassung sind die meisten Bundesländer im IT-Planungsrat aber nicht gefolgt.

„Insgesamt kommen wir nur mit dem Einer-für-Alle-Prinzip voran, weil es eben wirtschaftlicher ist.“

Wie ist die aktuelle Beschlusslage?

Es gibt nun einen Staatsvertrag (wir berichteten), der wesentliche Forderungen von uns aufgenommen hat. So wurde der Zuständigkeitsbereich im Vergleich zur ersten Fassung erheblich erweitert. Das NOOTS soll nun für alle Verwaltungsbereiche und alle Leistungen der öffentlichen Verwaltung gelten. Es bleibt aber weiter bei der Steuerung durch den Bund und sechs Bundesländer. Und die Finanzierung für die kommenden beiden Jahre ist durch die FITKO gedeckt, deren Budget von Bund und Ländern gemeinsam getragen wird. 

Es zeigt sich immer wieder, dass föderalistische Strukturen bei Gemeinschaftsprojekten wie der Verwaltungsdigitalisierung hinderlich sein können. Wie lassen sich diese Hindernisse beschreiben?

Es gibt zwei grundsätzliche Hindernisse. Da die Gesetze, um die es bei der Digitalisierung geht, beim Bund in Berlin gemacht werden und die konkrete Ausführung bei den Kommunen liegt, ist der Abstand zwischen dem Gesetzgeber auf Bundesebene und den Problemen auf kommunaler Ebene einfach zu groß. In Berlin kommen kaum Rückmeldungen über die Probleme vor Ort an. Auch sind die Gesetze oftmals wenig digitaltauglich und folgen altertümlichen Annahmen wie etwa, dass es unüberwindbare Silos zwischen den zuständigen Fachbereichen in den Verwaltungen gibt. Das wird alles zu wenig in Frage gestellt und bei der Gesetzgebung berücksichtigt.

Und das zweite Hindernis?

Das Hauptproblem besteht meiner Meinung nach in der Maxime, dass die Bundesländer in Grundsatzfragen für die Verwaltung zuständig sind. Die Abstimmungsprozesse zwischen den Ländern nehmen jedoch zu viel Zeit in Anspruch und bremsen das Weiterkommen aus. Zudem werden dabei meist keine politischen Fragen geklärt, sondern fast jedes Bundesland betreibt – zugespitzt formuliert – Industriepolitik in eigener Sache. Alle wollen gemeinsam vorankommen und zugleich die eigenen Investitionen retten, die bereits in die Digitalisierung geflossen sind. Über diese Hürden muss man hinwegkommen. Deswegen habe ich vorgeschlagen, dass wir die Entscheidungen über den Zeitpunkt neuer Rahmenbedingungen in die Zukunft verschieben. Es sollten zehn Jahre verbleiben, um getätigte Investitionen abschreiben zu können. Da in der IT jedoch in viel kürzeren Abständen Neuerungen und Updates erfolgen oder Geräte ausgetauscht werden, müssen die neuen Rahmenbedingungen schon dann gelten, wenn früher modernisiert wird. 

Momentan ist erneut eine Föderalismusreform im Gespräch. Was wäre aus Ihrer Sicht hinsichtlich der Digitalisierung notwendig?

Zu ändern wäre der Absatz vier des Grundgesetzartikels 91c hinsichtlich einer Generalklausel, die es dem Bund erlaubt, alle möglichen Netze mit Wirkung in die Bundesländer hinein gesetzlich zu regeln. Der Grundgesetzartikel darf sich also nicht mehr nur auf das Verbindungsnetz beziehen, sondern sollte auch das NOOTS und zukünftige Netze umfassen, die vielleicht durch Künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren wichtig werden. Natürlich kann man auch weitere Dinge im Zuge einer Föderalismusreform angehen. Ich würde mich im Sinne der Dresdner Forderungen immer dafür aussprechen, dass der Bund einige seiner Leistungen – beispielsweise die Verlängerung von Personalausweisen und Reisepässen – selbst regelt und sich nicht der Kommunen bedient. Das könnte man gerne in der Verfassung abbilden, möglicherweise braucht es dazu aber gar keine Verfassungsänderung. Das Wichtigste, was eine neue Bundesregierung unternehmen sollte, ist eine Zentralisierung der IT-Budgets der Bundesressorts. Das ist etwa in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein sehr erfolgreich umgesetzt worden und sollte unbedingt auch auf Bundesebene geschehen.

Mit der vorgezogenen Bundestagswahl werden auch wieder Rufe nach einem eigenen Digitalministerium laut. Würde dies die Sache voranbringen?

Ich halte das Zusammenziehen der IT-Budgets für effizienter als ein Digitalministerium. Bis ein neues Ministerium operativ startet, vergehen zwei bis drei Jahre. Zu dem Zeitpunkt wird es aber schon völlig entmachtet sein. Denn es ist schlecht vorstellbar, dass das Bundesministerium für Finanzen (BMF) und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) ihre Kompetenzen an ein Digitalministerium abgeben werden. Deshalb ist es für mich viel klüger, ein gesammeltes Digitalbudget zu fordern, wie es in einigen Bundesländern schon erfolgreich praktiziert wird. Das Budget könnte man beim Bundeskanzleramt ansiedeln oder beim BMF, denen dann die zentrale Steuerung zukommt.

Interview: Helmut Merschmann




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik

Rheinland-Pfalz: OZG-Umsetzung beschleunigen

[27.10.2026] Rheinland-Pfalz will die Digitalisierung der Verwaltung gemeinsam mit den Kommunen weiter voranbringen. Im Mittelpunkt stehen die flächendeckende Bereitstellung und stärkere Nutzung digitaler Verwaltungsleistungen sowie die Ende-zu-Ende-Digitalisierung. mehr...

Wehende Flagge mit dem Landeswappen von Sachsen.

Sachsen: Fünf Online-Dienste landesweit

[27.10.2026] Der Freistaat Sachsen und der Bund haben vereinbart, fünf Online-Dienste bis Ende Juni 2027 in allen zuständigen Kommunalbehörden bereitzustellen. Der Bund finanziert die technische Anbindung, die govdigital gemeinsam mit dem kommunalen IT-Dienstleister Lecos übernimmt. mehr...

Nationale Digitaloffensive: Bayern meldet erste Erfolge

[26.10.2026] Bayern hat ein erstes Ziel der Nationalen Digitaloffensive vorzeitig erreicht: Alle 96 Ausländerbehörden im Freistaat sind an den Online-Dienst „Aufenthalt Digital“ angeschlossen. Damit ist die Beantragung eines Aufenthaltstitels landesweit digital möglich. Auch bei der elektronischen Wohnsitzanmeldung kommt der Ausbau voran. mehr...

Baden-Württemberg: Schneller Roll-out statt vieler Einzellösungen

[15.10.2026] Baden-Württemberg hat mit dem Bund vereinbart, fünf bestehende Online-Dienste innerhalb von neun Monaten bei allen zuständigen Behörden im Land verfügbar zu machen. Ein zentral organisierter Anschlussprozess soll die Kommunen bei der Umsetzung unterstützen. mehr...

Thüringen: Gemeinsame Standards vereinbart

[14.10.2026] Thüringen und die kommunalen Spitzenverbände haben ihre Zusammenarbeit bei der Verwaltungsdigitalisierung neu vereinbart. Gemeinsame Standards und eine stärkere Nutzung der Verwaltungscloud sollen die IT-Systeme von Land und Kommunen besser verbinden. mehr...

Drei EU-Flaggen vor blauem Himmel wehen im Wind, im Hintergrund ein modernes Gebäude und blauer Himmel.

OSBA: Vorrang für Open Source

[13.10.2026] Die EU-Kommission hat einen Entwurf für eine neue Vergabeverordnung vorgestellt, womit die bisherigen EU-Richtlinien zur Vergabe öffentlicher Aufträge ersetzt werden sollen. Die Open Source Business Alliance sieht in dem Entwurf verpasste Chancen. mehr...

NKR-Jahresbericht 2026: Bürokratieabbau kommt kaum voran

[12.10.2026] Der Nationale Normenkontrollrat zieht in seinem Jahresbericht 2026 eine gemischte Bilanz zum Bürokratieabbau und zur Staatsmodernisierung. Zwar ist der jährliche Erfüllungsaufwand um 6,8 Milliarden Euro gesunken, gleichzeitig steigen jedoch die Bürokratiekosten. mehr...

Schleswig-Holstein: Schrödter offen für Cyber-Sicherheitsgremium

[12.10.2026] Digitalisierungsminister Dirk Schrödter unterstützt die Prüfung eines nationalen Cyber Incident Review Boards, das schwerwiegende Cyber-Angriffe systematisch untersuchen und daraus Handlungsempfehlungen ableiten soll. In einer Landtagsrede verwies er auf die wachsende Bedrohung digitaler Infrastrukturen und stellte die bereits ergriffenen Sicherheitsmaßnahmen Schleswig-Holsteins vor. mehr...

Schleswig-Holstein: Neuer Datenschutzbeauftragter

[12.10.2026] Der Schleswig-Holsteinische Landtag hat Jens Ambrock einstimmig zum neuen Landesbeauftragten für Datenschutz gewählt. Er tritt die Nachfolge von Marit Hansen an, deren zweite Amtszeit im Januar 2027 endet. Ambrock bringt langjährige Erfahrung im Datenschutzrecht und in der behördlichen Datenschutzaufsicht mit. mehr...

Mann mit gelbem Shirt und dunkelroter Hose liegt gemütlich auf einer grauen Couch und schaut auf sein Smartphone.

Deutschland-App: Zentrale Projektdetails bleiben offen

[09.10.2026] Die Modernisierungsagenda föderal sieht unter anderem die Umsetzung einer KI-unterstützten Deutschland-App vor, die einen zentralen, komfortablen Zugang zu digitalen Verwaltungsverfahren bieten soll. Mit dem aktuellen Umsetzungsstand, der Vergabe und Auftragsvolumina befasste sich jetzt der Bundestag. mehr...

Tablet mit dem Cover des Berichts zur Staatsmodernisierung

BMDS: Zwischenbilanz zur Staatsmodernisierung

[08.10.2026] Ein Jahr nach dem Beschluss ihrer Modernisierungsagenda zieht die Bundesregierung Bilanz. Sie meldet Fortschritte bei digitalen Verfahren und mehr als zehn Milliarden Euro weniger jährlichen Erfüllungsaufwand. Fünf von 23 zentralen Projekten sind abgeschlossen. mehr...

Blick über die Schulter einer Person, die ein Smartphone hält. Auf dem Screen ist das EUDI-Wallet-Logo.

EUDI-Wallet: Anhörung im Bundestag

[08.10.2026] Die geplante EUDI-Wallet stößt bei Sachverständigen grundsätzlich auf Zustimmung, zugleich sehen sie Nachbesserungsbedarf beim Digitale Identitätengesetz. Vor allem die Einbindung der Kommunen, die Verarbeitung digitaler Nachweise sowie Datenschutz und Sicherheit gelten noch als offene Punkte. mehr...

Hessen: Positive Halbzeitbilanz

[05.10.2026] Hessen zieht eine positive Halbzeitbilanz seines Pilotprojekts mit dem Bundesdigitalministerium zur flächendeckenden Einführung digitaler Verwaltungsleistungen. Bei der An- und Ummeldung sind bereits mehr als 90 Prozent der Kommunen angeschlossen. mehr...

Composite in Blautönen: Geschäftsfrau tippt auf Smartphone, Laptop und Notebook auf einem Tisch. Overlay mit Ordnern mit Dokumentensymbolen.

Saarland: Fünf Leistungen schneller in die Fläche

[05.10.2026] Fünf weitere Verwaltungsleistungen sollen im Saarland innerhalb von neun Monaten flächendeckend digital verfügbar sein. Der Ministerrat hat grünes Licht für die Teilnahme des Saarlandes am Bundesprogramm „Flächendeckung digitale Verwaltungsleistungen“ gegeben. mehr...

Bayern/Hessen: Digital-Roundtable geplant

[01.10.2026] Bayern und Hessen wollen die Zusammenarbeit der Länder bei Innovation und Wachstum stärken. Für die Veranstaltung Bits & Pretzels 2027 ist ein Roundtable der Digitalministerinnen und Digitalminister geplant. mehr...