Internet Governance ForumDritter Weg für das Netz

[16.09.2019] Wie entwickelt sich das Internet? Diese Frage wurde auf dem 11. Internet Governance Forum Deutschland diskutiert. Für Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier steht das Netz an einem Scheideweg: Es sei momentan unklar, ob es sich wirtschaftsbasiert, staatsbasiert oder regelbasiert ausrichten werde.

Das Internet und neu entstandene Technologien wie künstliche Intelligenz (KI), Big Data und Blockchain haben großen Einfluss auf das Leben und Arbeiten jedes Einzelnen und der Gesellschaft. „Wir brauchen in diesen Bereichen eine Governance“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am Mittwoch vergangener Woche (11. September 2019) auf dem 11. Internet Governance Forum Deutschland (IGF). Mit Governance ist gemeinhin Führung gemeint, doch das IGF setzt auf einen Multi-Stakeholder-Ansatz: die Einbindung vieler gesellschaftlichen Akteure aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Verwaltung und Wissenschaft. KI als Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg „Genau diese Offenheit brauchen wir, um das Internet als wirklich globale Infrastruktur zu erhalten. Mir ist es dabei besonders wichtig, den Mittelstand bei Fragen der Internet Governance eng einzubinden“, erklärte Altmaier. „Denn die Digitalisierung und Zukunftstechnologien wie die KI werden zunehmend zum Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg.“ Für Altmaier steht das „Internet an einem Scheideweg“: Es sei momentan unklar, ob es sich wirtschaftsbasiert (USA), staatsbasiert (China) oder regelbasiert (EU) ausrichten werde. Dass sich Peter Altmaier und die Bundesregierung für eine regelbasierte Option, den so genannten dritten Weg aussprechen, darauf hat der Wirtschaftsminister schon verschiedentlich hingewiesen. Und so zeugten auch die Diskussionen auf dem IGF von dieser Perspektive: Was können Deutschland und Europa insbesondere den US-amerikanischen Marktmonopolisten entgegensetzen? Zu regeln und regulieren gäbe es Einiges. Beispielsweise setzt die so genannte Plattformökonomie – darunter fallen Interaktionsplattformen wie ebay, Facebook oder Airbnb – auf Shareholder Value. Ihr Wachstum kommt vor allem denen zugute, die die Aktien halten. Insofern funktionieren auch die Algorithmen nach den Interessen der Plattformbetreiber und nicht der Nutzer. „Wir brauchen eine Vision, wie wir mit Daten umgehen wollen“, sagte Carolin Silbernagl von der Spendenplattform Betterplace.org. Zwar gebe es digitale Genossenschaften und alternative Monetarisierungsmodelle, doch spielen diese die zweite Geige, solange die Monopolisten nicht reguliert werden. Unethische Haltung großer Plattformen Für Thorsten Käseberg, Ministerialrat und Leiter des Referates Wettbewerbs- und Verbraucherpolitik, wettbewerbspolitische Grundsatzfragen der Digitalisierung im BMWi, ist dies der falsche Ansatz: „Es geht nicht um Regulierung, sondern um Spielregeln für den Marktzugang.“ In Arbeit seien Änderungen des Wettbewerbsrechts und des Kartellrechts, sodass auch Start-ups bessere Chancen haben. Für Zalando-Sprecher Daniel Enke schließen sich wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftlicher Nutzen nicht aus. Nicolas Friederici vom Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft forderte eine Abkehr von der Imitationslogik: „Das Geschäftsmodell der amerikanischen Plattformen ist nicht allgemeingültig.“ Längst gebe es erfolgreiche Beispiele für werteorientierte Plattformen wie etwa die Nachbarschafts-Community Nebenan.de, die in Europa weitaus erfolgreicher sei als ihr amerikanisches Pendant, eben weil Nutzer die unethische Haltung der großen Plattformen kritisieren und sich davon abwenden. Künstliche Intelligenz und Gemeinwohl Auch eine Podiumsdiskussion über künstliche Intelligenz und Gemeinwohl machte die Distanz zwischen den Interessen von Wirtschaft und Gesellschaft deutlich. Während Firmen wie Uber junge KI-Spezialisten direkt den Universitäten abwerben, weil die wirtschaftlichen Prognosen für maschinelles Lernen günstig sind, hält etwa Florian Buttolo, Mitglied der deutschen KI-Enquete-Kommission, solche Erwartungen für überzogen. „Die Technologie wird als Brandbeschleuniger gehandelt, dabei fehlen zuerst eine gesellschaftliche Diskussion und Positionsbestimmung, welche KI wir wollen.“ Annika Philipps, Referentin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, verwies auf die von drei Ministerien getragene KI-Strategie der Bundesregierung, die auf geeignete Rahmenbedingungen statt auf Regulierung setze. Und Agnieszka Walorska, Geschäftsführerin von Creative Construction, die Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation unterstützen, machte auf den positiven Einsatz von KI im Gesundheitswesen beispielsweise bei der Früherkennung von Krankheiten aufmerksam. Internet Governance Forum der UN Ob nun beim Internet Governance Forum der Vereinten Nationen Ende November solche unterschiedlichen Positionen in Einklang gebracht werden können, bleibt dahingestellt. Das High-Level-Multi-Stakeholder-Treffen ist zunächst dazu gedacht, den verschiedenen Interessengruppen eine internationale Bühne zu geben und die Bedeutung von Internet Governance einem größeren Publikum vor Augen zu führen. Bundesminister Peter Altmaier hob hervor, dass sich Deutschland schon vor Jahren für die Ausrichtung des UN-IGF beworben hatte und dass es großen Rückhalt im Bundestag genießt. Das Internet Governance Forum findet unter dem Motto „One World. One Net. One Vision“ vom 25. Bis 29. November 2019 in Berlin statt.

Helmut Merschmann




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik
Außenansicht des Rathauses in Bremen

Bremen: Leitplanken für Verwaltungs-KI

[21.08.2026] Der Bremer Senat hat jetzt eine KI-Strategie für die Verwaltung beschlossen. Sie soll den Einsatz der Technologie mit sieben Handlungsschwerpunkten und 39 Projekten verbindlich steuern, um Verfahren zu beschleunigen, Beschäftigte zu entlasten und die Datenhoheit zu sichern. mehr...

Dänemark ist ein Leuchtturm bei der Digitalisierung.

Schleswig-Holstein/Dänemark: Zwei Digitalregionen rücken zusammen

[20.08.2026] Schleswig-Holstein und Dänemark vertiefen ihren Austausch zur digitalen Verwaltung. In Flensburg diskutierten Fachleute aus Verwaltung, Wirtschaft und Technologie über erfolgreiche gemeinsame Projekte sowie Ansätze für die weitere Zusammenarbeit, etwa bei Verwaltungsdigitalisierung, Cyber-Sicherheit und Open Source. mehr...

3D-Rendering einer Lupe über einem aufgeschlagenen Buch mit einem Paragrafenzeichen.

Berlin: Start des Digitalchecks

[14.08.2026] Werden Gesetze von Anfang an digitaltauglich gestaltet, können Verfahren beschleunigt und Verwaltungskosten gesenkt werden. Für die dahingehende systematische Prüfung von Gesetzesvorhaben in ihrer Frühphase hat sich der Begriff „Digitalcheck“ etabliert. Einen solchen hat nun auch das Land Berlin beschlossen. mehr...

Porträt von Finanzminister Heiko Geue

Mecklenburg-Vorpommern: Zwei Strategien für digitale Verwaltung

[10.08.2026] Mecklenburg-Vorpommern ordnet die Verwaltungsdigitalisierung mit zwei Strategien neu: Eine bündelt 43 Maßnahmen für die Landesverwaltung bis 2030. Die andere legt in zwölf Grundsätzen fest, wie Land und Kommunen digitale Vorhaben gemeinsam planen, priorisieren und umsetzen. mehr...

Gruppenbild vor Holzvertäfelung

Baden-Württemberg: Maßnahmen zum Bürokratieabbau

[05.08.2026] Die Modernisierung des Staatswesens zählt in Baden-Württemberg zu den zentralen Vorhaben der laufenden Legislaturperiode. Nun hat die Landesregierung wichtige Strukturentscheidungen zum Bürokratieabbau getroffen und das Effizienzgesetz auf den Weg gebracht. mehr...

Balkengrafik

Brandenburg: Immer mehr Fokusdienste angebunden

[04.08.2026] Brandenburg informiert über den Roll-out der 15 von Bund und Ländern priorisierten Fokusleistungen. Fünf sind bereits vollständig umgesetzt, bei mehreren weiteren wurden in den vergangenen Monaten zusätzliche Stellen angebunden. mehr...

Mehrere Flaggen mit dem bayrischen blau-weißen Rautenmuster vor blauem Hintergrund.

Bayern: Weiß-blaue Erfolgsbilanz

[28.07.2026] Bayerns Digitalminister Fabian Mehring zog im Landtag eine ausgesprochen wohlwollende Bilanz der eigenen Digitalpolitik. Den Freistaat sieht er bei der Digitalisierung von Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft auf Kurs und bei der Verwaltungsdigitalisierung bereits als Taktgeber Deutschlands. mehr...

Landesdienstflagge Mecklenburg-Vorpommern, nahaufnahme des in Falten liegenden Fahnenstoffes

Mecklenburg-Vorpommern: Beitritt zum Zweckverband eGo-MV

[28.07.2026] Mecklenburg-Vorpommern tritt dem kommunalen Zweckverband eGo-MV bei. Land und Kommunen wollen damit ihre Zusammenarbeit bei IT-Infrastrukturen, Standards und gemeinsamen Digitalisierungsprojekten verbindlicher organisieren. mehr...

Deutschland/Frankreich: Kooperation bei KI-Sicherheit und digitaler Souveränität

[27.07.2026] Deutschland und Frankreich bauen ihre Zusammenarbeit bei KI-Sicherheit und digitaler Souveränität aus. Die Vereinbarungen sollen gemeinsame Bewertungen leistungsfähiger KI-Modelle ermöglichen und Europas Rolle bei der sicheren Nutzung von Künstlicher Intelligenz stärken. mehr...

Hände und Torso einer mutmaßlich weiblichen Person, die mit nachdenklicher Pose ein Smartphone hält.

BMDS: One-Stop-Shop für die Sozialverwaltung

[21.07.2026] Die Sozialplattform soll zum zentralen digitalen Zugang für Sozialleistungen ausgebaut werden. Vorgesehen sind durchgängig digitale Verfahren, Registerabrufe über NOOTS sowie perspektivisch die Anbindung von Deutschland-App und EUDI-Wallet. mehr...

Papierkorb mit zusammengeknülten Papieren, im Hintergrund unscharf ein Fax-Gerät

Sachsen/Thüringen: Die Verwaltung soll schneller werden

[16.07.2026] Sachsen und Thüringen wollen Verwaltungsverfahren vereinfachen und beschleunigen und haben dazu neue Gesetzespakete auf den Weg gebracht. Thüringen konzentriert sich vor allem auf das Baurecht, während Sachsen einen breiten Umbau des Landesrechts plant. mehr...

Läufer, der die Ziellinie eines Rennens auf einer schwarzen Laufbahn überquert, mit Bewqegungsunschärfe.

Bitkom: Digitalvorhaben kommen voran

[13.07.2026] Die Bundesregierung hält in der Digitalpolitik das Tempo: Erstmals sind doppelt so viele Digitalvorhaben begonnen wie noch nicht begonnen. Das geht aus dem neuesten Monitor Digitalpolitik des Bitkom hervor. Der Verband mahnt, begonnene Projekte nun zügig abzuschließen. mehr...

Karsten Wildberger steht vor einer violett-roten Wand zwischen zwei nicht näher benannten Männern, alle im Anzug

BMDS/Hertie School: Forschungsprojekt zur Staatsmodernisierung

[09.07.2026] Das BMDS fördert ein dreijähriges Forschungsprojekt zur Staatsmodernisierung an der Hertie School. Die Plattform soll die Modernisierungsagenden von Bund und Ländern wissenschaftlich begleiten und deren Wirkung unabhängig evaluieren. mehr...

bericht

Baden-Württemberg: Komm.ONE fordert neue Dynamik

[06.07.2026] Die Verwaltungsdigitalisierung in Baden-Württemberg soll deutlich an Tempo gewinnen. Im Mittelpunkt stehen eine engere Zusammenarbeit zwischen Land und Kommunen, verlässliche Finanzierungsmodelle sowie eine stärkere Rolle des kommunalen IT-Dienstleisters bei der Umsetzung zentraler Digitalisierungsprojekte. Auch eine langfristige Annäherung an die Landes-IT BITBW schließen die Verantwortlichen nicht aus. mehr...

Tagungssaal mit runder Tischanordnung, gut besetzt

Ministerpräsidentenkonferenz: Im Schulterschluss zum schlanken Staat

[01.07.2026] Die jüngste Ministerpräsidentenkonferenz hat den ersten Fortschrittsbericht zur Föderalen Modernisierungsagenda beschlossen. In wichtigen Bereichen kam die Umsetzung voran – Bundesdigitalminister Wildberger wie auch der NKR mahnten aber Tempo und weitere strukturelle Entscheidungen an. mehr...