InterviewAccess-Wildwuchs beenden

[22.10.2026] Schleswig-Holstein setzt bei der Ablösung von Microsoft Access-Anwendungen auf die Low-Code-Plattform A12 von mgm und den Aufbau eigener Entwicklungskompetenzen. Auf der Smart Country Convention 2026 sprach move – moderne verwaltung mit Digitalminister Dirk Schrödter und mgm-Geschäftsführer Hamarz Mehmanesh über digitale Souveränität, die Modernisierung von Fachverfahren und die Rolle Künstlicher Intelligenz bei der künftigen Softwareentwicklung.

Digitalminister Dirk Schrödter (rechts)und mgm-Geschäftsführer Hamarz Mehmanesh: „Entscheidend ist, dass wir Verwaltungsprozesse konsequent digital denken.“

(Bildquelle: Heidi Scherm)

Herr Minister Schrödter, Schleswig-Holstein setzt bei der Modernisierung seiner Verwaltung konsequent auf Open Source und digitale Souveränität. Jetzt sollen auch die zahlreichen Microsoft Access-Anwendungen abgelöst werden. Was steckt hinter dieser Strategie?

Dirk Schrödter: Wir haben in unserer Landesverwaltung zahlreiche Abhängigkeiten von proprietären Softwarelösungen. Das betrifft auch Microsoft Access. In den vergangenen Jahrzehnten ist hier ein regelrechter Wildwuchs entstanden. Viele Mitarbeitende haben für ihre konkreten Aufgaben eigene Anwendungen entwickelt. Diese Lösungen haben häufig gut funktioniert, sind aber meist isoliert entstanden. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, diesen Wildwuchs aufzuräumen und gleichzeitig unsere digitale Souveränität zu stärken. Low Code bietet dafür hervorragende Möglichkeiten. Wir können damit unsere Mitarbeitenden befähigen, Fachanwendungen künftig stärker selbst, aber mit zentral zur Verfügung gestellten und souveränen Lösungen zu entwickeln.

Bedeutet das, dass künftig jeder Verwaltungsmitarbeiter seine eigenen Anwendungen zusammenstellen kann?

Schrödter: Das ist durchaus ein langfristiges Ziel. Zunächst setzen wir aber auf Teams, die gemeinsam mit den Beschäftigten Lösungen entwickeln. Die fachliche Expertise muss immer von den Menschen kommen, die täglich mit den Verfahren arbeiten. Natürlich kann man nicht erwarten, dass jeder sofort mit einer Low-Code-Plattform umgehen kann, auch wenn die Lösung von mgm sehr intuitiv ist. Das erfordert Change Management. Deshalb bilden wir in den Ministerien Expertinnen und Experten aus, die gemeinsam mit den Fachabteilungen Anwendungen entwickeln. Perspektivisch wollen wir die Mitarbeitenden aber selbst in die Lage versetzen, solche Lösungen zu gestalten. Dafür haben wir ein Kompetenzzentrum eingerichtet.

Herr Mehmanesh, der Minister spricht von einem Wildwuchs bei Access-Anwendungen. Was erleben Sie in großen Verwaltungen?

Hamarz Mehmanesh: Wildwuchs ist durchaus der richtige Begriff. Allerdings sollte man das nicht negativ bewerten. Die Menschen haben sich selbst geholfen und Lösungen für ihre Aufgaben geschaffen. Entscheidend ist jetzt, bei der Modernisierung nicht in dieselbe Falle zu tappen. Wir dürfen nicht einfach jede Access-Anwendung eins zu eins auf eine neue Technologie übertragen. Sonst entsteht der gleiche Wildwuchs auf Low-Code-Basis. Schleswig-Holstein geht deshalb sehr systematisch vor. Das Land hat ein Low-Code-Kompetenzzentrum geschaffen, das als zentrale Anlaufstelle für die Ministerien dient. Dort wird zunächst geprüft, welche Anwendungen fachlich zusammengehören, welche Prozesse übergreifend gestaltet werden können und welche Lösungen tatsächlich benötigt werden. Auf dieser Grundlage können wir Anwendungen konsolidieren und neu strukturieren.

„Wir müssen das Wissen auf eine breitere Basis stellen.“

Herr Minister, die Ablösung von Access ist also nicht allein eine Frage der digitalen Souveränität. Welche Probleme wollen Sie damit noch lösen?

Schrödter: Ein wesentliches Problem ist der Wissenstransfer. Viele Access-Anwendungen wurden von einzelnen Beschäftigten für einen bestimmten Aufgabenbereich entwickelt und über Jahre weiterentwickelt. Wenn diese Menschen die Verwaltung verlassen, lässt sich das Wissen über die Anwendung häufig nicht ohne Weiteres übertragen. Angesichts der demografischen Entwicklung ist das eine große Herausforderung. Hinzu kommt, dass viele dieser Anwendungen technisch an ihre Grenzen stoßen. Wir müssen unsere Fachanwendungen deshalb auf eine breitere Basis stellen, damit sie von mehreren Menschen gepflegt und weiterentwickelt werden können. Gleichzeitig müssen sie erweiterungsfähig sein und sich mit anderen Systemen verbinden lassen. Genau darum geht es bei der Ablösung.

Wie aufwendig ist die Migration solcher Anwendungen in der Praxis?

Mehmanesh: Das hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab. Erstens von der Vernetzung: Je mehr Datenimporte, Exporte und übergreifende Prozesse eine Access-Anwendung unterstützt, desto komplexer wird die Migration. Zweitens spielt die fachliche Abstraktion eine Rolle. Wenn eine Anwendung eng an den gesetzlichen Anforderungen und deren Begrifflichkeiten entwickelt wurde, lässt sie sich leichter nachvollziehen und ablösen. Sind dagegen viele Abstraktionsebenen eingebaut, müssen wir zunächst verstehen, warum diese entstanden sind. Der dritte Faktor ist die Aktualität. In vielen Anwendungen gibt es Programmteile, die überhaupt nicht mehr verwendet werden. Wir müssen deshalb genau prüfen, was tatsächlich noch benötigt wird. Es wäre wenig sinnvoll, nicht mehr genutzten Code einfach in die neue Welt zu übertragen.

Welche Perspektiven eröffnet Low Code über die Ablösung bestehender Access-Anwendungen hinaus? Könnte sich damit auch die Entwicklung klassischer Fachverfahren grundlegend verändern?

Schrödter: Ich glaube, wir stehen tatsächlich vor einer Art Zeitenwende bei der Entwicklung von Fachsoftware. Low Code ermöglicht es uns, sehr viel schneller auf konkrete Digitalisierungsbedarfe zu reagieren. Gerade bei weniger komplexen Anwendungen können wir Lösungen eng an den fachlichen Anforderungen entwickeln. Das betrifft beispielsweise digitale Dienstleistungen für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen, aber auch verwaltungsinterne Prozesse. Wichtig sind dabei offene Schnittstellen, die Anbindung von Registern und ein durchgängiger Datenaustausch zwischen Behörden. Wenn wir solche Prozesse vollständig digital gestalten, gewinnen wir erheblich an Geschwindigkeit. Das schafft gesellschaftlichen Mehrwert und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit. Auf diese Entwicklung werden sich auch die klassischen Fachverfahrenshersteller einstellen müssen. Gerade A12 beweist aber auch, dass es nicht nur um weniger komplexe Anwendungen geht, sondern auch um hochgradig komplexe Lösungen – wie etwa ELSTER zeigt. Kaum etwas ist komplexer als das deutsche Steuerrecht und eine Lösung, die das abbilden kann, kann auch alles andere.

Herr Mehmanesh, welche technischen Eigenschaften zeichnen die Low-Code-Plattform A12 von mgm aus?

Mehmanesh: Unsere Plattform ist bereits in sehr großen Verwaltungsverfahren im Einsatz, so bildet sie beispielsweise die technologische Grundlage für die Steueranwendung ELSTER. Ihr Kern ist ein logisches Datenmodell, das sich mit einer Ontologie vergleichen lässt, also der formalen, strukturierten Beschreibung eines Wissensbereichs. Damit können fachliche Datenstrukturen und Validierungsregeln unabhängig von der späteren technischen Laufzeitumgebung beschrieben werden. Im Grunde entsteht so ein digitales Abbild gesetzlicher Anforderungen. Die Plattform ist modular aufgebaut, offen und erweiterbar. Deshalb eignet sie sich nicht nur für kleinere Anwendungen, sondern lässt sich auch für sehr große Verfahren skalieren. ELSTER ist dafür ein gutes Beispiel. Ich glaube, dass sich das Low-Code-Kompetenzzentrum in Schleswig-Holstein langfristig auch zu einer Stelle entwickeln kann, an der solche digitalen Abbilder gesetzlicher Anforderungen gepflegt werden. Dafür müssen die Fachleute eng eingebunden und entsprechende Pflegeprozesse etabliert werden.

Schleswig-Holstein gilt als Vorreiter bei der digitalen Souveränität. Welche Rolle spielte die Offenheit der Plattform bei der Entscheidung für mgm?

Schrödter: Das war eine logische Fortsetzung unserer Strategie. Wir haben uns früh entschieden, unsere Landes-IT auf offene Lösungen umzustellen. Zunächst denkt man dabei an die klassische Arbeitsplatzsoftware, also Textverarbeitung oder E-Mail. Wenn man genauer hinschaut, stößt man aber auf zahlreiche weitere Abhängigkeiten, beispielsweise bei Arbeitsplatz-Anwendungen wie Access. Ich habe mit allen Ministerinnen und Ministern Gespräche über die Umstellung geführt. Dabei wurde deutlich, dass wir auch diese Anwendungen berücksichtigen müssen. Mit mgm haben wir einen Partner gefunden, dessen Plattform zu unserer Strategie passt und der diesen Weg mitgeht. Wir befinden uns mitten im Ablösungsprozess. Die ersten Ergebnisse sind sehr gut. Jetzt wollen wir Schritt für Schritt die verbleibenden proprietären Anwendungen ersetzen und perspektivisch auch die dafür noch benötigten Lizenzen reduzieren.

„Der Mensch muss die Kontrolle behalten.“

Auf der Smart Country Convention ist Künstliche Intelligenz eines der dominierenden Themen. Welche Rolle spielt KI bereits bei der Entwicklung mit A12?

Mehmanesh: KI spielt eine fundamentale Rolle. Wir haben unsere Plattform so erweitert, dass KI-Systeme über einen MCP-Server auf relevante Informationen zugreifen können. Außerdem haben wir eine Kommandozeilenschnittstelle geschaffen, über die sich aus einer KI-gestützten Entwicklungsumgebung heraus A12-Code und entsprechende Modelle generieren lassen. Wir setzen KI-Agenten ein, die beispielsweise aus Gesetzestexten oder fachlichen Beschreibungen Datenmodelle erzeugen. Diese können anschließend in visuellen Editoren überprüft und weiterbearbeitet werden. Darüber hinaus arbeiten wir mit dem Fujitsu-Unternehmen Fsas Technologies an Ansätzen für eine souveräne KI-Gestützte Softwareentwicklung (ESACA – European Sovereign Agentic Coding Appliance). Ein wichtiger Vorteil unserer Plattform liegt darin, dass die KI nicht jedes Mal große Mengen klassischen Programmcode erzeugen muss. Nach unseren internen Messungen benötigt die KI-gestützte Entwicklung mit A12 nur etwa ein Siebzehntel des Codevolumens einer vollständig agentischen Entwicklung der entsprechenden Plattformfunktionalität. Das ist auch für die menschliche Kontrolle entscheidend. Wenn eine KI bei jedem Entwicklungsschritt Tausende Programmzeilen erzeugt, kann kaum noch jemand alles überprüfen. Unser Ansatz soll gewährleisten, dass der Mensch weiterhin die Kontrolle behält.

Wie passt der zunehmende KI-Einsatz zur Strategie der digitalen Souveränität in Schleswig-Holstein?

Schrödter: Wir haben uns sehr früh mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt und bereits 2018 eine eigene KI-Strategie entwickelt. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Verwaltung der Zukunft cloudbasiert, datengetrieben, automatisiert und algorithmisiert sein wird. KI spielt dabei eine zentrale Rolle. Denken Sie beispielsweise an Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen oder an einfache Verwaltungsleistungen wie die Beantragung eines Anwohnerparkausweises. Viele Verfahrensschritte lassen sich automatisieren, ohne dass für jeden einzelnen Vorgang menschliches Eingreifen erforderlich ist. Wir wollen KI aber zu unseren Bedingungen einsetzen, in sicheren Datenräumen und mit Modellen, die wir souverän betreiben können. Dabei geht es um weit mehr als Chatbots. Wir wollen KI sowohl bei der Entwicklung neuer Anwendungen als auch innerhalb der Verwaltungsverfahren selbst einsetzen. Schleswig-Holstein hat dafür gute Voraussetzungen. Wir verfügen über erneuerbare Energie, die wir für unsere Rechenzentren nutzen können, und haben Unternehmen im Land, die eigene KI-Modelle entwickeln. Hinzu kommen Lösungen, die wir gemeinsam mit anderen Ländern betreiben.

Welche Aufgaben könnten KI-Agenten künftig in der Landesverwaltung übernehmen?

Schrödter: Ich sehe ein großes Potenzial bei der automatisierten Bearbeitung von Daten und Vorgängen. KI-Agenten können Datensätze auswerten, Informationen zwischen Systemen übertragen, Plausibilitätsprüfungen durchführen oder fehlende Angaben selbstständig nachfordern. Das wird auch deshalb wichtig, weil wir vor einer enormen demografischen Herausforderung stehen. In den kommenden zehn Jahren werden wir je nach Aufgabenbereich 30 bis 40 Prozent unserer Beschäftigten verlieren. Diese Stellen werden wir schon aus demografischen Gründen nicht vollständig nachbesetzen können. Deshalb müssen wir Technologien nutzen, um Routineaufgaben schneller und effizienter zu erledigen. So können sich unsere Beschäftigten stärker auf die Aufgaben konzentrieren, bei denen ihre fachliche Kompetenz tatsächlich benötigt wird.

Herr Mehmanesh, wie stark wird KI die Softwareentwicklung in den kommenden Jahren verändern?

Mehmanesh: Meiner Meinung nach radikal. Durch KI verliert die Kapitalintensität der Softwareentwicklung an Bedeutung. Wir können in wesentlich kürzerer Zeit Anwendungen entwickeln, die früher mit erheblichem Aufwand verbunden gewesen wären. Gerade für Deutschland mit seiner mittelständisch geprägten Wirtschaftsstruktur ist das eine große Chance. Viele Anwendungen, an deren Eigenentwicklung wir uns früher nicht herangetraut hätten, können wir künftig selbst erstellen – solide, nachhaltig und finanzierbar. Damit eröffnen sich auch neue Möglichkeiten, bestehende Abhängigkeiten zu reduzieren. Allerdings gibt es eine entscheidende Voraussetzung: Der Mensch muss in der Lage bleiben, die Ergebnisse zu verstehen, zu kontrollieren und die Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir diese Kontrolle verlieren, wissen wir nicht, wohin uns die Entwicklung führt.

„Unsere Low-Code-Plattform A12 ist modular aufgebaut, offen und erweiterbar.“

Herr Minister, zum Abschluss ein Blick auf die Verwaltung aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger. Auf Bundesebene wird über eine Deutschland-App als zentralen Zugang zu Verwaltungsleistungen diskutiert. Ist das der richtige Weg?

Schrödter: Ich glaube, wir müssen zunächst die richtigen Prioritäten setzen. Entscheidend ist, dass wir Verwaltungsprozesse konsequent digital denken und damit einen konkreten gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Wenn Planungs- und Genehmigungsverfahren schneller werden, profitieren Unternehmen ebenso wie Bürgerinnen und Bürger. Das stärkt unsere Wettbewerbsfähigkeit und auch das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates. KI wird dabei eine wesentliche Rolle spielen. Was eine Deutschland-App betrifft: Schleswig-Holstein verfügt bereits über ein Serviceportal, über das rund 1.500 Verwaltungsleistungen abgerufen werden können. Ob wir darüber noch eine zusätzliche App benötigen, die bestehende Angebote bündelt, ist für mich nicht die entscheidende Frage. Natürlich kann man darüber diskutieren. Aber angesichts begrenzter personeller und finanzieller Ressourcen müssen wir uns fragen, was den größten Nutzen bringt. Aus meiner Sicht hat die durchgängige Digitalisierung und Beschleunigung der eigentlichen Verwaltungsprozesse zunächst Vorrang.

Interview: Alexander Schaeff




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