eGovernment-WettbewerbBW-Empfangsclient auf dem zweiten Platz

[24.09.2026] Das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg hat mit dem BW-Empfangsclient einen zweiten Platz beim eGovernment-Wettbewerb 2026 erreicht. Die Infrastrukturkomponente soll Behörden einen einfachen Zugang zu digitalen Verwaltungsleistungen ermöglichen – auch wenn ihre Fachverfahren noch nicht durchgängig digital angebunden sind.

Gewinner des eGovernment-Wettbewerbs 2026: Das baden-württembergische Wirtschaftsministerium erreichte den zweiten Platz in der Kategorie „Digitalisierungsschub durch KI und moderne Infrastruktur“.

(Bildquelle: BearingPoint)

Tausende Verwaltungsleistungen digital anbieten zu können, ist nur die eine Seite der Verwaltungsdigitalisierung. Auf der anderen Seite müssen Behörden die digital eingereichten Anträge auch empfangen und verarbeiten können. Genau hier setzt das Land Baden-Württemberg mit dem BW-Empfangsclient (BW-EC) an. Das Ministerium für Wirtschaft, Handwerk und Tourismus Baden-Württemberg erreichte mit dem Projekt beim eGovernment-Wettbewerb 2026 den zweiten Platz in der Kategorie „Digitalisierungsschub durch KI und moderne Infrastruktur“. Der Ansatz: Statt für jede Verwaltungsleistung zunächst ein Fachverfahren vollständig Ende-zu-Ende anzubinden, soll der BW-EC eine möglichst einfach verfügbare Empfangsinfrastruktur bereitstellen.

Einstieg ohne Anpassung des Fachverfahrens

Das Land zieht in seiner Präsentation für den Wettbewerb einen ungewöhnlichen Vergleich: Der BW-EC soll für Behörden perspektivisch so selbstverständlich verfügbar sein wie die Standards DIN A4 und ISO 838, die unter anderem die Lochung von Papier definieren. Eine wesentliche Hürde bei der Digitalisierung liegt aus Sicht des Landes in der heterogenen Fachverfahrenslandschaft. Nicht jedes Verfahren verfügt über die notwendigen Schnittstellen, und insbesondere bei selten genutzten Verwaltungsleistungen kann eine aufwendige technische Integration unverhältnismäßig sein.

Der BW-EC soll diese Einstiegshürde reduzieren. Behörden greifen über das Verwaltungsnetz auf die Produktivumgebung zu. Die Selbstregistrierung erfolgt automatisiert über ein Elster-Organisationszertifikat aus „Mein Unternehmenskonto“. Anschließend führt die Webanwendung über Assistenten durch die notwendigen Schritte, damit eine Behörde Anträge eines über FIT-Connect angebundenen Onlinedienstes empfangen kann. Damit verfolgt Baden-Württemberg zunächst einen pragmatischen Ansatz: Digitale Anträge können über den BW-EC entgegengenommen werden, ohne dass dafür sofort das jeweilige Fachverfahren angepasst werden muss.

Auch seltene Leistungen digitalisieren

Besonders deutlich wird der Ansatz bei Verwaltungsleistungen mit sehr niedrigen Fallzahlen. Als Beispiel nennt die Präsentation die Genehmigung der gestaltenden Mitwirkung von Kindern etwa bei Theaterstücken, Filmaufnahmen oder Werbespots. Für 95 Prozent der Kommunen liege die Zahl solcher Fälle laut Präsentation bei null pro Jahr. Für derart seltene Leistungen eine eigene Fachverfahrensanbindung zu entwickeln, ist entsprechend schwer zu rechtfertigen. Über den BW-EC sollen sie dennoch digital empfangen werden können, ohne dass bei der zuständigen Behörde großer technischer Aufwand entsteht. Künftig sollen darüber auch digitale Rückfragen an Antragstellende möglich werden.

Brücke zur Ende-zu-Ende-Digitalisierung

Der Empfangsclient ist allerdings nicht nur für kleine Fallzahlen gedacht. Bei potenziell stark nachgefragten Leistungen soll er als Übergangslösung auf dem Weg zur vollständigen Ende-zu-Ende-Digitalisierung dienen. Als Beispiel nennt das Ministerium Sozialleistungen, die bereits über die Sozialplattform digital beantragt werden können. Behörden können entsprechende Anträge zunächst mit dem BW-EC als PDF herunterladen und anschließend ähnlich einem Papierantrag weiterverarbeiten.

Damit lässt sich nach dem Konzept zunächst erproben, wie häufig ein Angebot tatsächlich genutzt wird. Steigen die Fallzahlen, kann anschließend eine direkte Integration in das Fachverfahren erfolgen. Die im BW-EC bereits funktionierende Parametrisierung soll dafür als Grundlage dienen. Der Empfangsclient ersetzt damit nicht die Anbindung moderner Fachverfahren. Vielmehr soll er die Zeit überbrücken, bis sich eine vollständige Integration lohnt oder technisch umgesetzt werden kann.

Empfangsbereit innerhalb weniger Minuten

Besondere Bedeutung misst Baden-Württemberg der Flächendeckung bei. Die Präsentation verweist auf rund 1.500 Behörden allein in Baden-Württemberg. Jede einzelne Behörde technisch individuell an die unterschiedlichen Onlinedienste anzubinden, würde einen erheblichen Aufwand verursachen. Deshalb sollen Landes-Onlinedienste künftig über einen Assistenten von den Behörden selbst aktiviert werden können. Das Land übernimmt dabei unter anderem die Zustellpunkte bei FIT-Connect und die korrekte Veröffentlichung im Landesredaktionssystem.

Sind die Onlinedienste vollständig parametergestützt aktivierbar, sollen Behörden laut Präsentation innerhalb weniger Minuten empfangsbereit sein. Baden-Württemberg unterstützt in diesem Zusammenhang auch die Arbeiten an der bundesweiten Parametrisierungskomponente EPP.

Referenz für den Deutschland-Stack

Der BW-EC soll zugleich als Referenzimplementierung für Komponenten des entstehenden Deutschland-Stacks dienen. Genannt werden insbesondere FIT-Connect und das künftige ZaPuK-Postfach. Ab 2027 soll der Empfangsclient weiter ausgebaut werden, sodass Behörden darüber auch Nachrichten mit Antragstellenden austauschen können. Der BW-EC ist laut der Präsentation zudem Pilot von „Neo“ für einen Matrix-basierten Kommunikationskanal. Die Erfahrungen sollen dabei nicht auf den Empfangsclient beschränkt bleiben. Das Ministerium verfolgt den Ansatz, Funktionen, die sich mit dem FIT-Connect-SDK im BW-EC realisieren lassen, perspektivisch auch in modernen Fachverfahren nutzbar zu machen.

Notfalllösung für bestehende Fachverfahren

Eine weitere Funktion ist als Absicherung bestehender Lösungen gedacht. Mit den notwendigen FIT-Connect-Zugangsdaten und einem V-PKI-Zertifikat zur Entschlüsselung kann der BW-EC nach Angaben des Ministeriums auch Daten aus vorhandenen Zustellpunkten abrufen. Fällt beispielsweise ein eigentlich für den Empfang vorgesehenes Fachverfahren aus, können Anträge innerhalb der 21-tägigen Aufbewahrungsfrist von FIT-Connect noch über den BW-EC heruntergeladen werden. Der Empfangsclient übernimmt damit zusätzlich die Funktion einer Fallbacklösung.

Der Ansatz Baden-Württembergs setzt somit nicht voraus, dass sämtliche Fachverfahren zunächst modernisiert werden. Stattdessen schafft das Land eine zentrale Infrastrukturkomponente, mit der Behörden Onlinedienste zunächst niedrigschwellig anbinden, testen und produktiv nutzen können. Die vollständige Ende-zu-Ende-Integration kann anschließend dort erfolgen, wo Fallzahlen und Prozesse den zusätzlichen Aufwand rechtfertigen.

Alexander Schaeff




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Panorama

EU-System DIWASS: Deutschland bindet Abfallverfahren an

[24.09.2026] Die Länderarbeitsgemeinschaft „Gemeinsame Abfall DV-Systeme“ bindet die deutschen Verfahren für grenzüberschreitende Abfalltransporte an das europäische Digital Waste Shipment System an. Technologiepartner bei der Umsetzung ist die Firma cit. mehr...

Mehrere Auszeichnungen des eGovernment-Preises in Form gläserner Rechtecke, mittig die Auszeichnung des 3. Preises.

eGovernment-Wettbewerb: Auszeichnung für Digitales Jobcenter

[23.09.2026] Digitale Verwaltungsangebote kämpfen mitunter mit geringen Nutzungszahlen. Dass gezielte Verbesserungen Abhilfe schaffen, zeigt ein gemeinsames Projekt von Bundesarbeitsministerium und Bundesagentur für Arbeit. Anträge des Jobcenters wurden untersucht und überarbeitet – und steigerten die Nutzungsquote. mehr...

Berlin: Zentrale Plattform für Baustellenkoordinierung

[23.09.2026] Berlin will die Koordinierung von Baustellen in einer zentralen digitalen Plattform bündeln. Planung, Antragstellung, Genehmigung, Koordinierung und Kontrolle sollen künftig auf einer gemeinsamen Datenbasis zusammenlaufen. mehr...

Normenkontrollrat: Seit 20 Jahren für bessere Rechtsetzung

[16.09.2026] Der Nationale Normenkontrollrat besteht seit 20 Jahren. Das ursprünglich zur Kontrolle von Bürokratiekosten eingesetzte Gremium beschäftigt sich heute auch mit Verwaltungsdigitalisierung und Staatsmodernisierung. Zum Jubiläum fordert der Rat eine frühere Beteiligung an Gesetzgebungsverfahren und stärkere Praxistests. mehr...

Graues Büro mit leichtenden Leitsystem-Displays

digitalSIGNAGE: Digitale Bürgerkommunikation für Rathaus & Co.

[28.08.2026] Digitale Informations- und Anzeigesysteme können das Personal in Kommunen entlasten: Sie erleichtern die Orientierung, organisieren den Besucheraufruf und informieren. Der ISO/IEC 27001 zertifizierte Anbieter digitalSIGNAGE deckt dafür ein breites Produktspektrum ab. mehr...

Berliner Rathaus, daneben der Fernsehturm

Berlin: Wer macht was?

[11.08.2026] Der im Juni beschlossene Zuständigkeitskatalog soll die Aufgabenverteilung innerhalb der Berliner Verwaltung klar regeln und das notorische „Behörden-Ping-Pong“ beenden. Nun ist das Kernstück der Berliner Verwaltungsreform auch online einsehbar. mehr...

Hände auf Laptop-Tastatur, darüber schwebt ein Briefumschlag-Icon

Saarland: Digitaler Rückkanal für BAföG-Anträge

[07.08.2026] Im Saarland kann schon seit längerem staatliche Unterstützung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) digital beantragt werden. Dabei kommt das bundesweite BAföG-Portal zum Einsatz. Nun können Antragstellende ihre BAföG-Bescheide auch digital empfangen. mehr...

Säulengrafik aus dem Bitkom-DESI 2026

Bitkom-DESI-Index: Platz 17 im EU-Digitalranking

[06.08.2026] Im Bitkom-DESI-Index 2026, der Fortschritte der Digitalisierung in den EU-Ländern misst, belegt Deutschland Platz 17 im Gesamtranking, vorne liegen Dänemark, Finnland und die Niederlande. Unter den fünf bevölkerungsreichsten Flächenstaaten liegt die Bundesrepublik dagegen auf Rang 2. mehr...

Nahaufnahme einer Person (Torso) mit grünem Pullover, die an einem Holztisch sitzt und mit dem Smartphone hantiert.

Thüringen: Projekt „Amsel“ auf der Zielgeraden

[29.07.2026] Thüringens Finanzämter haben mehr als 50.000 Vorschläge für eine Einkommensteuerfestsetzung ohne vorherige Steuererklärung verschickt. Rund ein Drittel der Angeschriebenen hat dem Verfahren bislang zugestimmt. mehr...

Nüchternes Büro mit einigen herumstehenden Personen im Hintergrud, vorne auf dem Tisch laptop mit E-Learning-Log-In-Screen

Studie: Digitale Weiterbildung im Public Sector

[27.07.2026] Digitale Selbstlernangebote werden im öffentlichen Dienst bislang kaum systematisch genutzt. Eine Studie für den IT-Planungsrat sieht die größten Hürden nicht bei Zertifikaten, sondern bei fehlenden Kompetenzmodellen, Prozessen und technischen Strukturen. mehr...

Rechenzentrum von innen, Blick in eine Gasse mit blau beleuchteten Server-Racks.

Hessen/Rheinland-Pfalz: Gemeinsames Fundament für die Steuer-IT

[23.07.2026] Hessen stellt der rheinland-pfälzischen Steuerverwaltung mehr als 400 Quadratmeter Rechenzentrumsfläche in Frankfurt bereit. Eine langfristige Kooperation soll zudem gemeinsame Vorhaben bei Cloud-Infrastrukturen, KI und automatisierten Steuerverfahren ermöglichen. mehr...

Mehrere Menschen stehen vor einem Aufsteller mit der Aufschrift „Startuphafen SH“.

Schleswig-Holstein: Schnell ein Unternehmen gründen

[10.07.2026] Eine von acht Pilotregionen beim bundesweiten BMDS-Projekt „Schneller Gründen“ ist Nordfriesland. Der dort entwickelte Startuphafen bündelt Informationen und Verwaltungsangebote zur Unternehmensgründung – und soll bald weiteren Städten und Kreisen im Land zur Verfügung stehen. mehr...

Ein roter Bauhelm liegt auf dem Asphaltboden, im Hintergrund unscharf eine Baustelle.

Niedersachsen: Bauleitplanung landesweit digital

[08.07.2026] Niedersachsen hat für seine Kommunen flächendeckend das digitale Verfahren DiPlanCockpit PRO für die Bauleitplanung eingeführt. Das neue Online-System soll Planungsverfahren schneller und einfacher machen. mehr...

Mutter spielt mit den Füßen eines Neugeborenen

GovTech Deutschland: Elterngeldverfahren föderal nachnutzen

[06.07.2026] Das Elterngeldverfahren steht perspektivisch auf der Deutschlandplattform zur föderalen Nachnutzung zur Verfügung. Die von GovTech Deutschland verantwortete Migration zeigt, wie bestehende Verwaltungsverfahren effizient und in kurzer Zeit auf eine moderne Plattformarchitektur überführt werden können. mehr...