KoalitionsvertragErste Stellungnahmen aus der Digitalwelt

[25.11.2021] Zum Koalitionsvertrag von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP liegen erste Stellungnahmen von Bitkom-Präsident Achim Berg und der bayerischen Staatsministerin für Digitales Judith Gerlach vor. Große Differenzen liegen in der Einschätzung des Vorhabens, ein Bundesministerium für Verkehr und Digitales zu gründen.

Sowohl Bitkom-Präsident Achim Berg als auch die bayerische Digitalministerin haben sich zum gestern (24. November 2021) vorgelegten Koalitionsvertrag von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP positioniert. Beide Stellungnahmen verweisen darauf, dass der Koalitionsvertrag mit Blick auf die Digitalisierung hinter seinen ursprünglichen Ansprüchen hinterherhinkt. Laut Angaben des Bayerischen Staatsministeriums für Digitales kritisiert Judith Gerlach, dass die Ampel-Koalition mit wortreichen Ankündigungen für einen digitalen Aufbruch gestartet sei. Den jetzt vorgelegten Koalitionsvertrag bezeichnet sie als den ersten Ampel-Ausfall.
Der Mitteilung des Bitkom ist hingegen zu entnehmen, dass Achim Berg das Zurückbleiben hinter einigen ursprünglich gegebenen Versprechen etwas moderierter darstellt. Er bemerkt: „Der Koalitionsvertrag bleibt in puncto Digitalisierung etwas hinter den hohen Ansprüchen des Sondierungspapiers zurück.“ Statt eines Ampel-Ausfalls kann er im Koalitionsvertrag trotzdem eine Fülle guter Ansätze entdecken, um Deutschland für die digitale Welt fit zu machen. Er bemerkt: „Jetzt muss es darum gehen, die digitalen Kernvorhaben wie zum Beispiel die Digitalisierung von Verwaltung und Schulen in die Praxis umzusetzen und gleichzeitig dort nachzulegen, wo es noch Lücken gibt wie in der Datenpolitik und bei digitalen Identitäten. Das neue Ampelbündnis stellt an sich selbst den Anspruch, eine Fortschrittskoalition zu bilden. Es geht jetzt also darum, die wichtigen Zukunftsfragen anzugehen, allen voran die Digitalisierung und Dekarbonisierung. Ich freue mich, dass der Vertrag der Bedeutung dieser beiden epochalen Transformationsprozesse ausdrücklich Rechnung trägt. Der angekündigte digitale Aufbruch muss Realität werden und in allen Bereichen Boden gutgemacht werden.“
Der Branchenverband Bitkom begrüße, dass der Koalitionsvertrag eine Bündelung von Kompetenzen vorsehe und die Digitalisierung mit dem Bundesministerium für Verkehr und Digitales erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik einen festen Platz am Kabinettstisch erhalte, heißt es in der Stellungnahme weiter. „Die vom Bitkom vorgeschlagene Erweiterung eines bestehenden Ministeriums ist der richtige Weg, wenn er pragmatisch beschritten und das neue Haus zügig arbeitsfähig wird“, so Berg. „Nun muss sich zeigen, dass es auch in der Praxis mit allen Rechten und Ressourcen ausgestattet wird, um die Digitalisierung zu konzertieren und voranzutreiben. Der angekündigte Digitalisierungs-Check für alle neuen Gesetze sollte in der Verantwortung dieses Ressorts liegen und es sollte auch über das zentrale zusätzliche Digitalbudget verfügen.“
Auskünften des Bayerischen Digitalministeriums zufolge empfindet Judith Gerlach hingegen gerade die geplante Gründung des Bundesministeriums für Verkehr und Digitales als problematisch. So werde die Digitalisierung durch eine künstliche Anbindung ans Verkehrsressort zum Anhängsel degradiert: „Hier wurde eine Riesenchance vertan, ein koordiniertes Querschnittsressort zu schaffen“, so Gerlach. „Die künftige Regierungskoalition beweist damit jetzt schon digitalpolitische Mutlosigkeit.“

Luftschlösser vs. konkrete Vorschläge

Zudem wirft Gerlach dem Koalitionsvertrag vor, dass sich dieser aus Luftschlössern zusammensetze, wenig konkrete Vorschläge mache und die Frage offen lasse, „wie das umgesetzt und bezahlt werden soll“. Diesbezüglich ist Berg konträrer Meinung, er stellt fest: „Der Koalitionsvertrag enthält viele konkrete Projekte, die wir sehr positiv sehen und die jetzt schnell angegangen werden müssen. An die Spitze der Prioritäten gehört die Digitalisierung, Modernisierung und Entbürokratisierung der Verwaltung. Positiv ist das Vorhaben, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und das gleich im ersten Jahr auf den Weg zu bringen. Die Einführung eines digitalen Gesetzgebungsportals kann Transparenz, Teilhabe und Vertrauen in einen handlungsfähigen Staat stärken. Erfreulich ist auch, dass Digitalisierungshemmnisse wie Schriftformerfordernisse abgebaut werden sollen. Hier sollte ein klarer zeitlicher Rahmen nachgereicht werden. Noch im ersten Jahr soll der Digitalpakt Schule beschleunigt und von bürokratischem Ballast befreit werden, was auch unbedingt nötig ist, damit die Milliarden endlich bei den Schulen ankommen.
Laut Koalitionsvertrag will die neue Bundesregierung ihre Digitalstrategie von Grund auf überarbeiten, digitale Schlüsseltechnologien fördern und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung erhöhen. Auch dies bewertet der Bitkom positiv. Berg: „Für den privaten Sektor schaffen Superabschreibungen auf Investitionen in Digitalisierung und Klimaschutz wichtige Anreize. Und für die innovative Start-up-Szene sind es positive Signale, einen vereinfachten, rechtssicheren Zugang zu öffentlichen Aufträgen zu bekommen.“
Die Grundlage für die beschleunigte Digitalisierung in Deutschland stellen nach Angaben des Bitkom die digitalen Infrastrukturen dar. Es sei daher folgerichtig, dass die Koalition dem Ausbau von Breitbandinternet und Mobilfunk unter anderem mit digitalen Genehmigungsverfahren und schnellerer Verlegeverfahren Vorfahrt geben wolle. Neuerungen für die öffentliche Förderung müssten dem Leitgedanken der Koalition für einen Vorrang des eigenwirtschaftlichen Ausbaus folgen. Der Ausbau dürfe zudem nicht durch neue Belastungen für die Unternehmen erschwert werden.

Föderalismus vs. übergreifende Standards

In der neuen, erstmals aus drei Parteien gebildeten Bundesregierung sieht Berg die große Chance, die politischen Prozesse an die Herausforderungen einer gleichermaßen komplexen wie schnellen digitalen Welt anzupassen. Er bemerkt: „So können nicht nur ambitionierte Digital-Vorhaben mit flexiblen Strukturen und agilen Methoden besser vorangetrieben werden. Ein vielversprechender Ansatz ist etwa, feste ressort- und behördenübergreifende agile Projekt-Teams und Innovationseinheiten mit konkreten Kompetenzen zu bilden. Wir müssen Ressort- und föderale Grenzen überwinden, wir müssen die Verwaltungen leistungsfähiger machen und übergreifende Standards etablieren. Wir müssen in allen Bereichen des staatlichen, aber auch des privatwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Handelns digitaler und damit auch schneller und besser werden. Die neue Bundesregierung hat die Chance und den Auftrag, Deutschlands Wirtschaft und Gesellschaft in den nächsten vier Jahren in die digitale Welt zu führen.“ Judith Gerlach warnt hingegen davor, die Bundesländer bei der Digitalisierung aus dem Blick zu verlieren. Sie bemerkt: „Auch die Zusammenarbeit mit den Bundesländern bleibt völlig unbeantwortet, dabei spielen die Länder gerade bei der Umsetzung der Digitalisierung eine maßgebliche Rolle. Wer die Länder vergisst, hat Digitalisierung nicht verstanden. Das Wegducken vor deutschlandweiten Herausforderungen, mit denen die Ampel konfrontiert werden wird, ist sicher kein gelungener digitalpolitischer Start.“





Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik

Bayern/Hessen: Digital-Roundtable geplant

[01.10.2026] Bayern und Hessen wollen die Zusammenarbeit der Länder bei Innovation und Wachstum stärken. Für die Veranstaltung Bits & Pretzels 2027 ist ein Roundtable der Digitalministerinnen und Digitalminister geplant. mehr...

Schwarz-weiß Bild: Blick ins manuell geführte KfZ-register in Flensburg, Großraumbüro

Deutscher Städtetag: i-Kfz-Bund greift zu kurz

[28.09.2026] Der Deutsche Städtetag hält die geplante Zentralisierung der Kfz-Zulassung beim Bund für unzureichend. Der Bund wolle vor allem bereits digitalisierte Standardverfahren übernehmen, während aufwendige Fälle bei den Kommunen blieben. Eine spürbare Entlastung sei so kaum zu erwarten. mehr...

Thüringen / Schleswig-Holstein: Digital-Kooperation wird vertieft

[23.09.2026] Thüringen und Schleswig-Holstein wollen bei der Digitalisierung ihrer Landesverwaltungen enger zusammenarbeiten. Im Mittelpunkt stehen Dateninfrastrukturen, Registermodernisierung, Open Source, souveräne KI-Lösungen und länderübergreifende Netzwerke. mehr...

IT-Planungsrat: Weichen für Deutschland-Stack gestellt

[21.09.2026] Bund und Länder haben zentrale Zuständigkeiten für den Deutschland-Stack festgelegt. Der Bund übernimmt mit Unterstützung der FITKO die Verantwortung für fünf Basiskomponenten der föderalen Digitalinfrastruktur. mehr...

Das passende Vorgehensmodell zu wählen

Hessen: Land fördert Low Code für Kommunen

[17.09.2026] Der Main-Kinzig-Kreis will die Open-Source-Plattform Limbas für den Einsatz in Kommunalverwaltungen weiterentwickeln. Das Land Hessen unterstützt das Projekt OSLOCO-Hessen mit rund 1,3 Millionen Euro. Verwaltungen sollen damit eigene Anwendungen ohne spezielle Programmierkenntnisse erstellen können. mehr...

Sachsen-Anhalt: Erste Bilanz der Digitalstrategie

[16.09.2026] Sachsen-Anhalt will die Digitalisierung von Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft bis 2030 systematisch vorantreiben. Die Strategie „Sachsen-Anhalt Digital 2030“ setzt dabei auf digitale Verwaltungsangebote, vernetzte Smart Regions, digitale Souveränität und nachnutzbare Lösungen. mehr...

Thüringens Digitalminister Steffen Schütz im Dialog mit Bürgern

Thüringen: Im Digital Dialog mit Bürgern

[14.09.2026] Unter dem Motto „Mitreden. Nachfragen. Mitgestalten“ fand kürzlich im Festsaal Schloßvippach der Auftakt zur Gesprächsreihe „Digital Dialog – Thüringen digital verstehen“ statt. mehr...

Bundesdigitalminister Karsten Wildberger spricht im Bundestag.

Bund: Eine Milliarde Euro für Verwaltungsdigitalisierung

[09.09.2026] Der Bund will die Verwaltungsdigitalisierung weiter vorantreiben. Im Haushaltsentwurf sind dafür rund eine Milliarde Euro vorgesehen. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger kündigte zudem weitere Schritte beim Deutschland-Stack, bei digitalen Verwaltungsleistungen und der Deutschland-App an. mehr...

Wehende Brandenburg-Flagge mit dem Landeswappen, das einen Adler zeigt.

Brandenburg: Breiter Dialog für neue Digitalstrategie

[07.09.2026] Brandenburg bezieht Verbände, Bürgerinnen und Bürger sowie Kommunen in die Erarbeitung der neuen Digitalstrategie ein. Nach Online-Befragung und Verbändeanhörung folgt im September ein Kommunalworkshop. Die Strategie soll bis Ende 2026 verabschiedet und veröffentlicht werden. mehr...

Porträt Anke Pörksen

Niedersachsen: Neue Strukturen bringen Digitalisierung voran

[04.09.2026] Ein Jahr nach der Neuordnung seiner Digitalpolitik zieht Niedersachsen eine positive Bilanz: Zuständigkeiten wurden neu geordnet, Strukturen geschaffen, wichtige Fortschritte sind sichtbar. Nun sollen Verwaltungsdigitalisierung, KI und Cyber-Sicherheit weiter vorankommen. mehr...

Gruppenbild im Scdhlosspark

Digitalpolitik: Kabinettsklausur in Neuhardenberg

[31.08.2026] Bei ihrer Kabinettsklausur in Neuhardenberg beriet die Bundesregierung unter anderem über industrielle KI, digitale Souveränität und Bürokratieabbau. Mit weniger Berichtspflichten sowie schnelleren Genehmigungen und Unternehmensgründungen will sie die Wirtschaft entlasten. mehr...

Blick vom Spreeufer auf das Reichstagsgebäude.

Bundeshaushalt 2027: Digitaletat steigt auf 1,44 Milliarden Euro

[27.08.2026] Der Haushaltsentwurf 2027 sieht für das Bundesdigitalministerium höhere Ausgaben für die IT-Infrastruktur und mehr Mittel aus dem Sondervermögen vor. Schwerpunkte sind Breitbandausbau und Verwaltungsdigitalisierung. Bei Mobilfunk und Registermodernisierung wird dagegen gekürzt. mehr...

Luftaufnahme Berlin, Blick über die Museumsinsel auf den Alexanderplatz

Bitkom: Wie digital sind Berlins Parteien?

[24.08.2026] Welche Berliner Parteien passen bei digitalpolitischen Fragen zu den eigenen Positionen? Zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September gleicht der neue Bitkomat die Antworten der Nutzerinnen und Nutzer auf 20 Thesen mit den Angaben der im Parlament vertretenen Parteien ab. mehr...

Außenansicht des Rathauses in Bremen

Bremen: Leitplanken für Verwaltungs-KI

[21.08.2026] Der Bremer Senat hat jetzt eine KI-Strategie für die Verwaltung beschlossen. Sie soll den Einsatz der Technologie mit sieben Handlungsschwerpunkten und 39 Projekten verbindlich steuern, um Verfahren zu beschleunigen, Beschäftigte zu entlasten und die Datenhoheit zu sichern. mehr...

Dänemark ist ein Leuchtturm bei der Digitalisierung.

Schleswig-Holstein/Dänemark: Zwei Digitalregionen rücken zusammen

[20.08.2026] Schleswig-Holstein und Dänemark vertiefen ihren Austausch zur digitalen Verwaltung. In Flensburg diskutierten Fachleute aus Verwaltung, Wirtschaft und Technologie über erfolgreiche gemeinsame Projekte sowie Ansätze für die weitere Zusammenarbeit, etwa bei Verwaltungsdigitalisierung, Cyber-Sicherheit und Open Source. mehr...