Smart Country ConventionEuropa verdient eine Alternative

[01.10.2025] Aktuell bezieht Deutschland rund 82 Prozent aller IT-Produkte und -Services aus dem Ausland. Auf der Smart Country Convention wurde deshalb viel über digitale Souveränität diskutiert. In einer Keynote auf der Messe stellte StackIT-Chef Bernd Wagner die Pläne seines Unternehmens vor.

Bernd Wagner, CEO der StackIT Cloud, sprach über die Bedeutung digitaler Souveränität und des souveränen Einsatzes von KI für den öffentlichen Sektor.

(Bildquelle: K21 media GmbH)

Auf der diesjährigen Smart Country Convention (30. September bis 2. Oktober 2025) spielt das Thema Digitale Souveränität eine zentrale Rolle. Für die Besucherinnen und Besucher ist dies gleich in der ersten Halle unübersehbar durch die Messestände der Anbieter von Cloudservices, allen voran die sogenannten Hyperscaler wie Microsoft Azure, Amazon Web Services oder Google Cloud. Daneben sind aber auch die deutschen Alternativen vertreten: Delos Cloud, IONOS oder StackIT, der Cloudanbieter von Schwarz Digits, der IT- und Digitalsparte des Handelsunternehmens Schwarz-Gruppe. 

Die politische Lage verstärkt die Brisanz des Themas zusätzlich, denn die USA gelten zunehmend nicht mehr als verlässlicher Partner. So hat etwa Microsoft kürzlich entschieden, dem israelischen Verteidigungsministerium bestimmte Cloud- und KI-Dienste nicht mehr zur Verfügung zu stellen – ein Vorgang, der die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern deutlich vor Augen führt. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Debatte um europäische Alternativen und eine souveräne digitale Infrastruktur auf der Messe zusätzlichen Nachdruck.

Vom Verhandlungstisch aufstehen können

Wie eine europäische Alternative aussehen kann, stellt Bernd Wagner am ersten Messetag auf einem der Podien der Smart Country Convention vor. Der CEO der StackIT Cloud und Bereichsvorstand der Schwarz-Gruppe sprach in seiner Keynote über die Bedeutung digitaler Souveränität und des souveränen Einsatzes von Künstlicher Intelligenz (KI) für den öffentlichen Sektor. Wagner stellte die Frage in den Raum: „Warum brauchen wir digitale Souveränität?“ Seine Antwort: Weil nur sie die Möglichkeit biete, im Zweifel auch einmal vom Verhandlungstisch aufzustehen – und Verträge mit großen internationalen IT-Anbietern zu beenden, wenn es die eigene Unabhängigkeit erfordert.

Abhängigkeit von ausländischen Diensten

Deutschland beziehe aktuell rund 82 Prozent aller IT-Produkte und -Services aus dem Ausland, so Wagner. Diese Abhängigkeit sei das Resultat einer Entwicklung der vergangenen 15 Jahre, in denen es Europa versäumt habe, eigene Alternativen aufzubauen. Wagner muss es wissen: Er war bis vor einem Jahr noch Geschäftsführer von Google Cloud in Deutschland. „Wir sind zu bequem geworden“, resümierte Wagner. StackIT trete an, dieses Vakuum zu füllen – nicht, um bestehende Partnerschaften zu beenden, sondern um echte Wahlmöglichkeiten zu schaffen.

Künstliche Intelligenz sei der zentrale Treiber für die digitale Transformation – mit Chancen, aber auch Risiken. Anders als frühere Innovationen wie die Dampfmaschine entfalte KI ihre Marktwirkung in rasanter Geschwindigkeit. „Wer über ausreichend kuratierte Daten verfügt, kann von heute auf morgen ganze Märkte verändern“, erklärte Wagner. Für Nachzügler bedeute das erhebliche Gefahr durch Disruption.

Sein Unternehmen zeige bereits heute, wie KI souverän eingesetzt werden könne: Generative KI treffe bei der Schwarz-Gruppe, dem Mutterkonzern von StackIT, täglich eine Milliarde Entscheidungen – von Einkauf bis Logistik. Diese Daten seien hochsensibel und müssten in jedem Fall geschützt bleiben.

Beispiele aus Verwaltung und Wirtschaft

Wagner präsentierte mehrere Projekte, die verdeutlichen, wie digitale Souveränität konkret aussehen kann:

  • KI-Assistent für Behörden: Ab Oktober wird eine große Organisation in Deutschland mit zunächst 60.000 Mitarbeitenden einen KI-gestützten Assistenten einsetzen. Später sollen bis zu 100.000 Beschäftigte davon profitieren.
  • Pädagogische Cloud-Infrastruktur: Gemeinsam mit Partnern entstand eine Plattform, die Bildungsinstitutionen souveräne digitale Lösungen bereitstellt.
  • Geodaten-Analyse: Mit KI-gestützten Verfahren werden Luftbilder und Geodaten ausgewertet, um Flächennutzung und Waldschäden besser zu verstehen.
  • Souveräne Collaboration-Tools: Anwendungen wie Sonic Manus ermöglichen sichere Protokollierung von Videokonferenzen, inklusive Stimmzuordnung und Verschlüsselung.

Investitionen in Sicherheit und Infrastruktur

Einen Schwerpunkt seiner Keynote legte Wagner auf Cybersicherheit. Mit dem Zukauf des israelischen Unternehmens XM Cyber verfüge StackIT über Technologien, die Angriffe simulieren und Schwachstellen aufzeigen, bevor sie ausgenutzt werden. Zudem investiere das Unternehmen massiv in Infrastruktur: In Lübbenau (Brandenburg) entstehe derzeit ein Rechenzentrum von gigantischem Ausmaß – größer als die von der EU geforderte AI-Gigafactory. Jeder einzelne der geplanten Datacenter sei so groß wie ein Fußballfeld, vier Stockwerke hoch und biete bis zu 300 Megawatt Leistung. Fertigstellung sei für 2027 geplant. Auch eine weitere Region im Norden Deutschlands werde aktuell erschlossen. Insgesamt investiere die Schwarz-Gruppe jährlich 3,5 Milliarden Euro in Deutschland.

Handlungsfähigkeit langfristig sichern

Für Wagner ist digitale Souveränität mehr als ein Schlagwort: Sie sei Voraussetzung, um Europas Handlungsfähigkeit langfristig zu sichern. „Europa verdient eine Alternative“, sagte er zum Abschluss. Mit Investitionen in Infrastruktur, Open-Source-Entwicklungen und einem klaren Bekenntnis zu Deutschland und Europa wolle StackIT genau diese Alternative bieten.

Alexander Schaeff




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