OZG-UmsetzungEin persönlicher Blick von Außen – Teil II

[03.03.2021] Vom Backoffice zum Frontoffice gehen, die Closed-Shop-Mentalität durchbrechen oder endlich die elektronische Kommunikation der Zeit anpassen – laut Marianne Wulff müsste der digitale Wandel gleich an mehren Stellen anders angegangen werden, damit die Verwaltungsmodernisierung gelingen kann. Teil II eines Gastbeitrags.

In die weitere Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) sollen Mittel aus dem Corona-Konjunkturpaket fließen. Ein größerer Teil davon ist für die Entwicklung so genannter Einer-für-Alle-Leistungen vorgesehen – und damit wohl auch für zusätzliche Beratertage und Digitalisierungslabore. Wie viel zielführender wäre es, in Dokumenten-Management- und E-Akte-Projekte in Bundes-, Landes- und Kommunalverwaltung zu investieren – auch wenn das zur Folge hätte, dass weniger als 575 Leistungen online gestellt werden? Ohne Dokumenten-Management und E-Akte als wesentliche Grundfunktionalitäten der digitalen Verwaltung wird ein echter Digitalisierungsschub jedenfalls ausbleiben. Erst die Betrachtung und digitale Neugestaltung der gesamten Arbeitsprozesse – von der Antragstellung bis zur Erteilung der Bescheide – ermöglicht eine wirkliche Transformation. Und zwar im Interesse der Bürgerinnen und Bürger mit schlankeren Verwaltungsabläufen. Das Credo sollte deshalb lauten: Vom Backoffice zum Frontoffice gehen und nicht umgekehrt. Vor allem auf der kommunalen Ebene wird das samt Anbindung der Fachverfahren häufig mitgedacht. Doch muss dies auch in der Breite geschehen – und das kostet sehr viel Geld. Zudem ist die Neugestaltung von Arbeitsprozessen für alle Beteiligten anstrengend. Gewohntes und Vertrautes muss überdacht und vielleicht über Bord geworfen werden und hier und dort könnte ein Umlernen nötig sein. Aber erst wenn die Prozesse neu gebaut werden, kann das OZG Anstoß und Beschleuniger einer nachhaltigen Digitalisierung sein. Wo bleiben Mittelstand und Start-ups? „Keiner kann es mehr alleine.“ Das sagte schon Matthias Kammer 2003/2004 bei der Gründung des IT-Dienstleisters Dataport. Heute gilt das umso mehr und Kooperationen finden allerorten statt – das ist mindestens teilweise ein Erfolg des OZG. Kommunale IT-Dienstleister bilden neue Strukturen aus, neue Zusammenschlüsse sind entstanden, die Zusammenarbeit zwischen Ländern und Kommunen, teils in neuen Organisationen, hat erheblich an Fahrt aufgenommen. In der Not kann die öffentliche Verwaltung wohl gemeinsam und sogar schnell agieren. Der Dienst IfSG-Online etwa, mit dem Entschädigungen nach dem Infektionsschutzgesetz auf den Weg gebracht werden können, wurde sehr schnell entwickelt. Und immerhin nutzen ihn elf Bundesländer. Nach wie vor ist die öffentliche Hand jedoch ein ganz eigentümliches Ökosystem, das Neues zu oft skeptisch beäugt oder gar abstößt. Davon betroffen sind die mittelständischen Unternehmen, die seit Jahrzehnten Fachverfahren und mehr für die Verwaltung entwickeln, oder pfiffige Start-ups, die ihre Leidenschaft für die öffentliche Verwaltung gerade entdecken. Die Closed-Shop-Mentalität zeigt sich momentan besonders eindrucksvoll am FIT-Store des IT-Planungsrats. Einmal entwickelte Lösungen sollen in einem vereinfachten Verfahren inhouse, also ohne Ausschreibung, von einer Verwaltung an interessierte andere Verwaltungen weitergegeben werden können – aber nur innerhalb des Ökosystems „öffentliche Verwaltung“. Der Wettbewerb wird damit deutlich eingeschränkt. Unternehmen und ihre Verbände laufen Sturm, weil sie im Rennen um Marktanteile quasi disqualifiziert werden, durch ihre Zugehörigkeit zu einem „fremden System“. „Es steht zu befürchten, dass der FIT-Store in seiner jetzigen Ausgestaltung Gefahr läuft, genau jene geschlossenen Strukturen zu fördern, die es eigentlich zu vermeiden gilt“, bringt es der NKR auf den Punkt. Heute schon gefaxt? Zu Beginn der Corona-Pandemie sorgte der teilweise noch per Fax abgewickelte Informationsaustausch zwischen den Gesundheitsämtern und dem Robert-Koch-Institut (RKI) für Diskussionen. Auch ein Jahr später zeigen die noch immer unzuverlässigen Wochenendstatistiken des RKI, dass ein wichtiger Aspekt der Verwaltungsdigitalisierung scheinbar völlig ins Hintertreffen geraten ist: die elektronische Kommunikation der Behörden untereinander. In einem hochkomplexen Verwaltungssystem gibt es viele Liefer- und Austauschbeziehungen zwischen den Behörden auf den unterschiedlichen Ebenen sowie den privaten Lieferanten, etwa den Laboren. Digitale Werkzeuge, die miteinander kommunizieren können, würden die Effizienz und Effektivität immens verbessern. Warum wird das nicht pragmatisch und agil vorangetrieben? Viele Kommunen und Bundesländer, die etwas auf sich halten, bieten – häufig in Anlehnung an das Dashboard des RKI – eine Übersicht über das aktuelle Corona-Infektionsgeschehen an. Das ist lobenswert. Doch wie steht es um eine auf aktuellen Daten fußende Steuerung des politischen Geschehens? Welche Führungskraft in Verwaltung und Politik hat ein Cockpit zur Orientierung, zur Unterstützung des täglichen eigenen Tuns? Eindrucksvoll hat Susanne Diem, Mitglied der Geschäftsleitung bei SAP Deutschland, beim Digitalgipfel 2020 ihr individuelles Cockpit präsentiert und den Nutzen für ihre erfolgreiche Arbeit herausgearbeitet. Verwaltung und Politik stehen hier noch am Anfang. Einzelne Projekte könnten jedoch Lernfeld für andere sein. Auf hoch aggregierter Ebene hat das Statistische Bundesamt im Dezember 2020 das Dashboard Deutschland gestartet. Dort können sich Entscheider in Ländern und Kommunen bedienen. Allerdings ersetzt das nicht die Klärung der individuellen Fragen zu einer datenbasierten Steuerung im eigenen Verantwortungsbereich. Auch für das OZG gibt es ein Dashboard. Es ermöglicht jedoch keine Steuerung, sondern ist ein Schaufenster derer, die beweisen wollen, dass bei der OZG-Umsetzung Hochbetrieb herrscht. Users first, mentaler Wandel und Beratersprech Aus welchen Gründen E-Government-Fachleute die Nutzerfreundlichkeit in Deutschland erst 2017 als einen wesentlichen Erfolgsfaktor entdeckt haben und entsprechend kommunizieren, bleibt ein Geheimnis. Die Stadt Wien hat schon im letzten Jahrtausend neue digitale Angebote vor dem Go live von den Bürgern checken lassen. Es ist demnach keine ganz neue Erkenntnis, dass weniger die Anzahl von Online-Diensten als vielmehr ihre tatsächliche Nutzung zeigt, ob ein Angebot angenommen wird. Digitale Transformation, Change-Management, Agilität, Innovation, Design Thinking, User centricity oder gar Human Centric Experience Design – alle Buzzwords gehen flüssig von der Zunge. Ist dies Ausdruck eines mentalen Wandels oder nur Anpassung an gut gemeinten Beratersprech? Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Es gibt sie, die Innovatoren, die mental Gewandelten. Aber es gibt auch die anderen, die lediglich mit Worten das Beharrungsvermögen der öffentlichen Verwaltung zudecken und nicht mit der erforderlichen Entschiedenheit dafür kämpfen, dass Transformation und Innovation tatsächlich in die DNA der Verwaltung übergehen. Doch erst wenn dieser Übergang stattfindet, kann E-Government und die Digitalisierung überhaupt einen Veränderungsschub erzeugen, der Zukunftsfähigkeit und nachhaltige Entwicklung befördert. Hier ist noch sehr viel Luft nach oben.

Dr. Marianne Wulff war Bereichsleiterin bei der KGSt, anschließend Vitako-Geschäftsführerin und bis Februar 2020 im Vorstandsstab bei Dataport.


Stichwörter: Politik, OZG


Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik
Eine durchgängige Digitalisierung der Verwaltung ist mit papierbasierten Prozessen nicht möglich.

Thüringen: Ein Jahr Bürokratiemelder

[13.02.2026] Zwölf Monate nach dem Start des Thüringer Bürokratiemelders zieht die Landesregierung eine positive Bilanz. Seit Februar 2025 sind über 500 Hinweise eingegangen. Manche Meldungen haben bereits konkrete Reformen angestoßen – etwa in den Bereichen BAFöG, Baurecht und Once Only. mehr...

Vorfahrt-Beachten-Schild aus leichter Unzersicht gegen blauen Himmel

Bayern: Vorfahrt für das Digitale

[09.02.2026] Bayerns Digitalminister Fabian Mehring will das Prinzip Digital Only für Verwaltungsleistungen und den Abbau analoger Doppelstrukturen voranbringen. Seinem sogenannten Weckruf haben sich bereits verschiedene Institutionen, Verbände, Unternehmen und Wissenschaftsvertreter angeschlossen. mehr...

Außenansicht des Eingangsbereichs des Hessischen Landtags

Hessen: Digitalisierungshaushalt 2026 steht

[06.02.2026] Mit rund 380 Millionen Euro plant Hessen für 2026 umfangreiche Investitionen in die Digitalisierung. Schwerpunkte liegen auf digitaler Infrastruktur, Verwaltungsdigitalisierung sowie dem Ausbau von Kompetenzen in Künstlicher Intelligenz und Quantencomputing. mehr...

Purpurfarben ausgeleuchtetes Podium mit Diskususionsteilnehmenden auf Sesseln

dbb-Diskussion: Staatsmodernisierung im Fokus

[06.02.2026] Bei der dbb-Jahrestagung diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Verbänden über die bundesweite und die föderale Modernisierungsagenda. Die Debatte ist nun als Video verfügbar. mehr...

Die Landesflagge von Schleswig-Holstein, im Hintergrund blauer Himmel.

Schleswig-Holstein: Konsequent digital

[28.01.2026] Von Anlagengenehmigung bis zum Wohngeld: Schleswig-Holstein setzt den Roll-out von Onlinediensten und die Digitalisierung der Verwaltung weiter konsequent um. Ein landeseigenes Digitalisierungs-Dashboard soll die Fortschritte künftig visualisieren. mehr...

Karsten Wildberger, Kirsten Sinemus und Fabian Mehring sowie mehrere unbekannte Personen in Rückenansicht in einem Sitzungssaal.
bericht

OZG-Leistungen: Schub für die digitale Verwaltung

[23.01.2026] Der Bund sowie Bayern und Hessen als Pilotländer erproben einen neuen Weg, um digitale Verwaltungsdienste überall anbieten zu können. Dabei finanziert der Bund Roll-in-Teams für die Kommunen, während sich die Länder verpflichten, bis Ende 2026 fünf Online-Dienste landesweit einzuführen. Das Verfahren soll auf andere Länder übertragen werden. mehr...

Bayernflagge (Rauten mit Wappen) vor blauem Himmel.
bericht

Bayern: Umstrittene Microsoft-Cloud

[15.01.2026] Die geplante Einführung von Microsoft-Cloud-Diensten in Bayerns Verwaltung sorgt bereits seit Monaten für Diskussionen. Das Finanzressort erwartet durch die Einführung Kostenvorteile und eine Konsoldierung der Verwaltungs-IT, der Digitalminister fordert eine Neubewertung im Zeichen digitaler Souveränität. mehr...

Porträt Jan Pörksen

Digitalministerkonferenz: Hamburg ist 2026 Vorsitzland

[15.01.2026] Als zentrales politisches Gremium von Bund und Ländern bündelt die Digitalministerkonferenz die Zusammenarbeit in der digitalen Transformation und stimmt länderübergreifende Strategien ab. 2026 führt Hamburg den Vorsitz, vertreten durch Staatsrat Jan Pörksen. mehr...

Person mit hellem Hemd hält virtuelle Deutschlandkarte in schwarz-rot-gold in den Händen.

Bitkom: Digitalministerium macht Tempo

[13.01.2026] Der Bitkom bescheinigt der Bundesregierung ein hohes Umsetzungstempo in der Digitalpolitik. Jedes zwanzigste Projekt ist abgeschlossen, 45 Prozent sind in Umsetzung. Für viele zentrale Projekte wird das Jahr 2026 als entscheidend bewertet. mehr...

Porträt Luise Hölscher

IT-Planungsrat: Vorsitzjahr 2026 unter Bundesführung

[12.01.2026] Zum Jahresbeginn hat der Bund den Vorsitz im IT-Planungsrat übernommen. Zentrale Themen sind der Deutschland-Stack und die Registermodernisierung, auch die FITKO als Umsetzungsorganisation des IT-Planungsrates soll ein schärferes Profil erhalten. mehr...

Zwei Personen reichen einander die Hände.

Saarland: Dritte Auflage des E-Government-Pakts

[09.01.2026] Das Saarland und die Kommunen haben die dritte Auflage ihres E-Government-Pakts unterzeichnet. Das Land wird demnach die Kommunen bei der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) und beim Ausbau digitaler Angebote unterstützen. Ein gemeinsames IT-Steuerungsgremium wird die vereinbarten Maßnahmen begleiten. mehr...

Thüringen: Neue Digitalstrategie beschlossen

[19.12.2025] Das Thüringer Kabinett hat eine neue Digitalstrategie beschlossen, welche die Verwaltungsdigitalisierung bündeln und beschleunigen soll. Kernpunkte sind eine zentrale Steuerung, einheitliche IT-Standards und ab 2026 eine App, über die Behördenleistungen per Smartphone zugänglich werden sollen. mehr...

IT-Planungsrat: 2025 war ein Jahr der Meilensteine

[19.12.2025] Mecklenburg-Vorpommern hatte in diesem Jahr den Vorsitz im IT-Planungsrat inne und nun eine positive Bilanz gezogen. 2025 sei ein Meilenstein-Jahr auf dem Weg zur digitalen Entlastung von Bürgerinnen und Bürgern sowie der Unternehmen gewesen. mehr...

Die rheinland-pfälzische Digitalministerin Dörte Schall.

Rheinland-Pfalz: Digitalprogramm 2026/2027 beschlossen

[18.12.2025] Das Landeskabinett Rheinland-Pfalz hat die Fortschreibung der Digitalstrategie von 2023 beschlossen. Deren Inhalte wurde in einem breit angelegten Beteiligungsprozess erarbeitet. mehr...

NKR: Modernisierungsagenda bleibt zu vorsichtig

[10.12.2025] Die föderale Modernisierungsagenda ist beschlossen. Der NKR sieht darin wichtige Impulse für leistungsfähigere Verwaltungen, kritisiert jedoch vertagte Reformhebel und fordert eine konsequente Umsetzung mit starker Einbindung der Kommunen. mehr...