KIDie Industrie als Vorbild

Dirk Schrödter, Digitalisierungsminister Schleswig-Holstein
(Bildquelle: Frank Peter)
Herr Minister Schrödter, Schleswig-Holstein hat sich 2019 als erstes Bundesland eine KI-Strategie gegeben, 2021 wurde diese fortgeschrieben. Den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Verwaltung zu stärken, ist eines der acht Handlungsfelder. Welche Potenziale sehen Sie für die KI-Nutzung durch die Landesverwaltung?
Die Zukunft der Verwaltung ist automatisiert, algorithmisiert, cloudifiziert und datenbasiert. Wenn wir diese Zukunft der Verwaltung erreichen wollen, dann geht das nur mit KI. Der Einsatz von KI, also algorithmenbasierter Prozesse, in der öffentlichen Verwaltung wird die Entscheidungsfindung effizienter gestalten und schneller machen, die Ergebnisse der internen Verwaltungsabläufe qualitativ verbessern und die personellen Fachressourcen schonen. Durch den Einsatz von KI werden wir in der Lage sein, vor allem im Bereich der gebundenen Entscheidungen beispielsweise in der Leistungsverwaltung einen bislang ungeahnten Automatisierungsgrad zu erreichen. Die Industrie muss uns hier Vorbild sein. Die Kolleginnen und Kollegen in der Fachlichkeit werden so von Routineaufgaben entlastet und können sich besser um komplexe oder atypische Fälle kümmern. Zugleich können wir die Qualität der Entscheidungen, zum Beispiel durch die Reduktion von Fehlern bei der Dateneingabe oder -auswertung, verringern.
Sie haben im Mai dieses Jahres auch für den Einsatz großer KI-Sprachmodelle wie ChatGPT innerhalb der Landesverwaltung grünes Licht gegeben – was bedeutet das konkret?
Ich habe das auf der Grundlage unseres IT-Einsatzgesetzes (ITEG) getan. Es geht mir dabei nicht nur um ChatGPT an sich, sondern um das klare Signal innerhalb und außerhalb der Verwaltung, sich neuen Technologien nicht nur nicht zu verschließen, sondern sich diese nutzbar zu machen. Die Potenziale von ChatGPT, generativer KI oder vergleichbaren Technologien begreifen wir als Chance. Zunächst wollen mit deren Einsatz Erfahrungen sammeln. Dabei gehen wir mit Bedacht und vorsichtig vor. Das ITEG liefert uns hierfür einen Rahmen. ChatGPT wird zunächst nur dazu genutzt, Inspiration für Mitarbeitende zu geben. Eine direkte Anbindung von ChatGPT an Fachverfahren erfolgt dabei nicht. Mittelfristig brauchen wir Lösungen wie ChatGPT natürlich als so genannte On-premise-Lösung in Rechenzentren, über die wir vor Ort die volle Souveränität haben. Wir brauchen ein ChatGPT für die öffentliche Verwaltung.
Welche Nutzungen wären für ChatGPT und ähnliche Anwendungen innerhalb der Verwaltung in näherer Zukunft denkbar?
Wenn wir dazu kommen, derartige Sprachmodelle mit den Daten zu nutzen, die der öffentlichen Verwaltung bereits jetzt vorliegen, werden wir einen Quantensprung in der Verfügbarkeit und Auswertung von Informationen erreichen – über Zuständigkeitsgrenzen hinweg. Die automatisierte Beantwortung von Fragen aus dem parlamentarischen Bereich oder der interessierten Öffentlichkeit, Planungsentscheidungen oder die Recherche von Informationen für die Vorbereitung von gesetzlichen Entscheidungen wären in einer bisher nicht erreichbaren Qualität und Schnelligkeit möglich.
„Wenn wir die Zukunft der Verwaltung erreichen wollen, dann geht das nur mit dem umfassenden Einsatz von KI.“
Ohne Daten keine sinnvolle KI-Anwendung. Was muss sich am Umgang der Verwaltung mit Daten ändern, damit der KI-Einsatz möglich wird?
Wir müssen lernen, nicht in Zuständigkeitsgrenzen, sondern in Nutzungsszenarien zu denken und zu handeln. Es ist doch heutzutage kaum noch erklärbar, warum es zum Beispiel zwischen den Kommunen, dem Land und dem Bund keine zentrale Verwaltung von Baustelleninformationen gibt. Das Szenario wäre doch nicht, nur die Baustellendaten der eigenen kommunalen Straße zu verarbeiten, sondern bei einer Planung gleich auch die Daten des Landes und des Bundes zu erhalten und daraus die Konsequenzen für die Sperrung einer kommunalen Straße zu erkennen, wenn gleichzeitig die Landesstraße gesperrt wird und der innerkommunale Verkehr daher über eine Bundesautobahn umgeleitet werden müsste. Hier in dem Szenario „Aufrechterhaltung des Straßenverkehrs“ und nicht „Sperrung kommunaler Straßen im eigenen Gemeindegebiet“ zu denken, ist die Herausforderung an die Verwaltung. Dabei ist wichtig, zwischen offenen und sensiblen Daten zu trennen. Ein KI-System, das von der Öffentlichkeit genutzt werden kann, darf nur mit offenen Daten trainiert werden. Sensible Daten dürfen nur für das Training von internen KI-Systemen verwendet werden. Ansonsten besteht das Risiko, dass durch geschickte Prompt-Formulierungen sensible Daten aus den Modellen an die Öffentlichkeit geraten. Wir brauchen eine Kultur des Datennutzens und des Datenteilens. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter muss den Wert von Daten über den eigenen Arbeitsbereich hinaus kennen. Dann wird es uns gelingen, nicht nur unsere Prozesse schneller, besser, bürgerfreundlicher zu machen, sondern durch das Verfügbarmachen von Daten der Verwaltung neue Wertschöpfung zu schaffen. Die Verwaltung muss dafür ihre Datensilos aufbrechen.
Der Einsatz von KI hat das Potenzial, die Verwaltung grundlegend zu verändern. Sie selbst sprachen von einer „Revolution der Verwaltungsprozesse“. Welche Rahmenbedingungen müssen neben den technischen Grundlagen für den KI-Einsatz in der Verwaltung geschaffen werden?
Die Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung benötigen die intrinsische Motivation, den Umgang mit Daten und mit KI als Chance zu begreifen. Damit diese wachsen kann, brauchen wir zwei Dinge: Zuerst den Aufbau von Kenntnissen und Wissen, wie diese Technologien genutzt werden und welche Einsatzszenarien denkbar und sinnvoll sind und damit zur Entlastung beitragen. Wir müssen den Nutzen für jede einzelne Mitarbeiterin und jeden einzelnen Mitarbeiter aufzeigen. Gleichzeitig müssen wir es ihnen ermöglichen, sich mit dem damit einhergehenden Wandel zu beschäftigen. Wir müssen hierfür bei der bereits jetzt hochverdichteten Aufgabenvielfalt durch eine klare Priorisierung zugunsten der Innovation den Raum schaffen. Und natürlich müssen wir Verwaltungsprozesse und gesetzliche Vorgaben daraufhin prüfen, ob sie digitalisierungsfeindlich sind. Warum bekommt eigentlich nicht jedes Neugeborene neben der Steuer-ID auch gleich noch ein digitales Nutzerkonto?
Schleswig-Holstein will beim KI-Einsatz bundesweit Vorreiter werden, die Verwaltung soll dabei eine Pionierrolle spielen. Sie haben betont, es sei wichtig, ins Tun zu kommen und nicht darauf zu warten, bis bundesweite Diskussionen abgeschlossen sind. Welches sind die nächsten Schritte für die Landesverwaltung?
Wir schaffen derzeit die infrastrukturellen Voraussetzungen, dass wir KI-Services jeder öffentlichen Stelle als Software as a Service anbieten können und wir arbeiten am „Datenhaus“ Schleswig-Holstein, um mehr Daten für KI-Anwendungen verfügbar zu machen und die Datennutzungskompetenzen der Beschäftigten zu verbessern.
Dieses Interview ist in der Ausgabe September 2023 von Kommune21 im Schwerpunkt Künstliche Intelligenz erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
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