InterviewSouveränität hat drei Pfeiler

[19.10.2026] Für Heiner Genzken sind Datenschutz, Resilienz und europäische Wertschöpfung die entscheidenden Säulen digitaler Souveränität. Im Interview mit Kommune21 auf der Smart Country Convention 2026 erläutert der A1-Digital-Experte, warum das so ist.

Dr. Heiner Genzken: Die Cloud-Plattform Exoscale ermöglicht souveräne Dienste.

(Bildquelle: K21 media GmbH)

Herr Dr. Genzken, A1 Digital ist auf der Smart Country Convention vertreten. Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem Messeauftritt und welche Lösungen stellen Sie vor?

Unser Ziel ist es, die Bekanntheit unserer Cloud-Lösung Exoscale im öffentlichen Sektor in Deutschland zu steigern. Wir möchten mit Entscheidern und denjenigen ins Gespräch kommen, die Entscheidungen vorbereiten. Dabei geht es insbesondere um die Themen souveräne Cloud und Künstliche Intelligenz. Wir wollen zeigen, welche Möglichkeiten unsere Cloud-Plattform bietet und wie wir öffentliche Einrichtungen bei diesen Herausforderungen unterstützen können.

Digitale Souveränität ist eines der zentralen Themen der Verwaltungsdigitalisierung. Was bedeutet dieser Begriff aus Ihrer Sicht für Behörden, Städte und Gemeinden?

Für mich hat digitale Souveränität drei Pfeiler. Der erste ist der Datenschutz. Ohne Datenschutz kann ich nicht souverän sein. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, wo die Daten gespeichert werden, sondern auch, welchem Recht der Cloud-Anbieter unterliegt. Wenn ein Anbieter seinen Unternehmenssitz beziehungsweise seine Konzernmutter außerhalb der EU oder des Europäischen Wirtschaftsraums hat, können ausländische Gesetze wie der US Cloud Act relevant werden. Das lässt sich auch durch Marketingversprechen nicht wegdiskutieren. Der zweite Pfeiler ist die Resilienz. Darunter verstehe ich die Fähigkeit, nach einem Sicherheitsvorfall, einem technischen Fehler oder einer anderen Störung möglichst schnell wieder zum Normalbetrieb zurückzukehren. Wenn ich dabei vollständig von einem Dritten abhängig bin, habe ich diese Fähigkeit nicht selbst in der Hand. Deshalb ist die Kontrolle über die eigenen Daten und Systeme so wichtig.

Und was ist der dritte Pfeiler?

Der dritte Pfeiler ist für mich sogar der wichtigste: unser Wohlstand. Wenn wir unsere Investitionen in digitale Technologien überwiegend außerhalb Europas tätigen, fließt auch die damit verbundene Wertschöpfung dorthin. Das betrifft Privatpersonen ebenso wie Unternehmen und öffentliche Einrichtungen. Dieses Geld fehlt dann für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa. Hinzu kommt, dass qualifizierte Fachkräfte dorthin gehen, wo investiert wird und attraktive Arbeitsplätze entstehen. Wenn wir dauerhaft zu wenig in unsere eigene Technologiebranche investieren, verlieren wir nicht nur Wertschöpfung, sondern auch die Menschen, die wir brauchen, um technologisch unabhängig zu werden. Daraus kann ein sich selbst verstärkender Prozess entstehen. Deshalb gehören für mich Datenschutz, Resilienz und europäische Wertschöpfung untrennbar zur digitalen Souveränität.

„Der dritte Pfeiler ist für mich sogar der wichtigste: unser Wohlstand.“

Die Bundesregierung hat angekündigt, den Staat stärker als Ankerkunden für europäische Technologieanbieter zu etablieren. Ist das der richtige Ansatz?

Ja, absolut. Der Staat kann durch seine Beschaffungspolitik erheblich dazu beitragen, europäische Anbieter zu stärken und damit auch die eigene digitale Souveränität voranzubringen. Es geht nicht nur darum, Technologien einzukaufen, sondern auch darum, Wertschöpfung und Kompetenzen in Europa zu halten. Allerdings ist aus meiner Sicht bislang noch zu wenig geschehen. Den Ankündigungen müssen jetzt konkrete Maßnahmen folgen.

A1 Digital bietet mit Exoscale eine europäische Cloud-Plattform an. Wie ist das Unternehmen aufgestellt und was unterscheidet es von außereuropäischen Anbietern?

Exoscale ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von A1 Digital. A1 Digital wiederum gehört zur österreichischen A1 Telekom Austria Group. Dort sind die digitalen Geschäftsfelder gebündelt, die über die klassische Telekommunikation hinausgehen, beispielsweise Internet of Things, IT-Sicherheit und Cloud-Dienste. Exoscale ist unsere Cloud-Plattform. Da die Unternehmensgruppe in Österreich und damit innerhalb der Europäischen Union ansässig ist, unterliegt sie nicht wie ein US-amerikanischer Anbieter unmittelbar der amerikanischen Jurisdiktion. Das ist ein wesentlicher Aspekt unseres Souveränitätsansatzes.

Die großen amerikanischen Hyperscaler bieten ein sehr breites Spektrum an Cloud-Diensten und Entwicklungswerkzeugen. Müssen Kunden bei einer europäischen Alternative Abstriche machen?

Ja, in gewisser Weise schon. Aber diese Abstriche können durchaus im eigenen Interesse der Kunden liegen. Die großen Hyperscaler bieten zahlreiche komfortable Plattformdienste und Microservices an, die Entwicklern das Leben erleichtern. Das Problem ist, dass dadurch Abhängigkeiten entstehen. Wenn ich meine Software eng mit proprietären Diensten eines bestimmten Cloud-Anbieters verknüpfe, kann ich später nur noch mit erheblichem Aufwand wechseln. Ich befinde mich gewissermaßen in einem goldenen Käfig. Deshalb halte ich Ansätze wie Platform as Code oder Bring your own Platform für wichtig. Dabei behält der Kunde die Kontrolle über seine Plattform und kann sie bei Bedarf zu einem anderen Anbieter mitnehmen.

Wer übernimmt die Entwicklung und den Betrieb einer solchen Plattform? Ist das Aufgabe von Exoscale oder müssen die Kunden selbst aktiv werden?

Wir bieten die zugrunde liegende Cloud-Infrastruktur an, übernehmen aber nicht die Entwicklung kundenspezifischer Plattformen. Das können die IT-Abteilungen der jeweiligen Organisationen selbst tun oder entsprechende Dienstleister beauftragen. Entscheidend ist, dass die Kunden die Kontrolle über ihre Plattform behalten und nicht von proprietären Funktionen eines einzelnen Cloud-Anbieters abhängig werden.

Ein kommunales Praxisbeispiel ist der GA-Lotse des Gesundheitsamts Frankfurt am Main. Welche Rolle spielt Open Source bei diesem Projekt und für die digitale Souveränität insgesamt?

Open Source ist ein fundamentaler Baustein digitaler Souveränität. Wenn ich auch auf der Anwendungsebene unabhängig sein möchte, muss ich auf Software setzen können, deren Quellcode offenliegt und die ich selbst weiterentwickeln oder von anderen weiterentwickeln lassen kann. Der GA-Lotse ist dafür ein gutes Beispiel. Die Anwendung wurde auf Open-Source-Basis entwickelt und der Quellcode anschließend veröffentlicht. Dahinter steht das Prinzip „Public Money, Public Code“: Was mit öffentlichen Mitteln entwickelt wird, soll auch anderen öffentlichen Einrichtungen zur Verfügung stehen. Das Projekt wurde in seiner Anfangsphase mit EU-Mitteln gefördert. Das Land Hessen hatte das Gesundheitsamt Frankfurt damit beauftragt, eine digitale Lösung zu entwickeln, die anschließend auch von anderen Gesundheitsämtern genutzt werden kann.

Lässt sich die Lösung tatsächlich auf andere Kommunen und Verwaltungsbereiche übertragen?

Genau das ist das Ziel. Der GA-Lotse soll nicht nur anderen Gesundheitsämtern zur Verfügung stehen. Die zugrunde liegende Software kann grundsätzlich auch für andere Verwaltungsbereiche angepasst werden. Wenn eine Anwendung einmal entwickelt wurde und der Quellcode offen verfügbar ist, muss nicht jede Behörde wieder bei null anfangen. Das Projekt läuft auf unserer Exoscale-Cloud. Die Entwickler hatten einen sehr engen Zeitplan und benötigten deshalb eine besonders entwicklerfreundliche Umgebung. Genau darin sehen wir neben der digitalen Souveränität eine unserer Stärken. Wir stellen eine Cloud-Plattform bereit, die auf offenen Technologien und unserem eigenen Cloud-Stack basiert und Entwicklern möglichst einfache Arbeitsbedingungen bietet.

Auch in Europa wächst die Zahl souveräner Cloud-Angebote. Wodurch hebt sich Exoscale von anderen europäischen Anbietern ab?

Zunächst einmal begrüßen wir ausdrücklich, dass Unternehmen wie IONOS oder die Schwarz Gruppe das Thema souveräne Cloud voranbringen. Wir verfolgen hier grundsätzlich dasselbe Ziel. Exoscale unterscheidet sich aber in einigen Punkten. Zum einen gehört uns unser Cloud-Stack vollständig. Wir sind dabei nicht von der Technologie eines anderen Cloud-Anbieters abhängig. Zum anderen sind wir tatsächlich europaweit aufgestellt. Wir betreiben derzeit acht Rechenzentren in fünf Ländern, demnächst werden es neun in sechs Ländern sein. Dadurch können wir Kunden unterschiedliche europäische Standorte anbieten. Ein österreichischer Kunde möchte seine Daten möglicherweise in Österreich speichern, während ein Schweizer Kunde einen Standort in Deutschland bevorzugt. Solche Anforderungen können wir innerhalb unserer eigenen Infrastruktur erfüllen. Diese europäische Präsenz ist für uns ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal.

„Open Source ist ein fundamentaler Baustein digitaler Souveränität.“

Viele kleinere Kommunen stehen beim Thema Cloud noch am Anfang und verfügen nur über begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen. Wie sollten sie vorgehen, wenn sie ihre IT souveräner aufstellen möchten?

Gerade kleineren Kommunen würde ich empfehlen, sich an spezialisierte IT-Dienstleister zu wenden, durchaus auch an kleinere Unternehmen oder Start-ups. Nehmen wir eine Gemeinde, die ein Fachverfahren betreibt, das bislang auf einem Server im Rathaus läuft. Vielleicht fehlen zunehmend die Mitarbeitenden, die diesen Server warten und administrieren können. Deshalb möchte die Kommune das Fachverfahren in die Cloud verlagern. Unsere Cloud allein löst dieses Problem zunächst nicht. Wir bieten die Infrastruktur, übernehmen aber nicht die Migration des Fachverfahrens. Dafür braucht die Kommune einen Dienstleister, der die Anwendung kennt, sie cloudfähig macht und anschließend auf einer geeigneten Plattform betreibt.

Welche Vorteile bietet dabei die Zusammenarbeit mit einem kleineren, möglicherweise regionalen IT-Dienstleister?

Ein kleinerer Dienstleister kennt die Kommune und ihre Anforderungen häufig bereits sehr gut. Vielleicht arbeitet er schon seit Jahren mit ihr zusammen oder ist sogar vor Ort ansässig. Er kann die vorhandenen Fachverfahren analysieren, die notwendigen Anpassungen vornehmen und den Betrieb in einer souveränen Cloud organisieren. Für eine kleinere Verwaltung ist das oft einfacher, als selbst umfangreiche Cloud-Kompetenzen aufzubauen. Die Kommune kann sich dann stärker auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren und muss sich nicht mehr um den Betrieb eigener Server kümmern. Gleichzeitig gewinnt sie eine moderne, technisch ausgereifte Infrastruktur. Exoscale ist seit rund zwölf Jahren am Markt. Wir verfügen also über die entsprechende Erfahrung im Cloud-Betrieb. Entscheidend ist, dass die Kommunen den passenden Partner finden, der ihnen den Weg in die Cloud ermöglicht.

Interview: Alexander Schaeff




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