Digitale SouveränitätInnovationstreiber stärken

[02.11.2022] Um die digitale Souveränität zu stärken, muss die Politik ein Klima schaffen, das digitale Geschäftsmodelle und digitale Innovationstreiber in Deutschland und Europa konsequent fördert. Eine wesentliche Rolle kann hierbei der Mittelstand spielen.
Digital souverän ist

Digital souverän ist, wer zwischen mehreren Optionen wählen kann.

(Bildquelle: knowhowfootage/stock.adobe.com)

In der Debatte über die digitale Transformation wird kaum etwas so intensiv diskutiert wie die digitale Souveränität. Das hat auch damit zu tun, dass noch keine Einigkeit darüber herrscht, worauf diese im Einzelnen abzielt. Zwar haben alle Interpretationen die Vorstellung gemein, dass in der mit hohem Tempo voranschreitenden digitalen Revolution die Kontrolle in Form von Selbstbestimmung zu wahren ist. Doch beinahe immer geht es dabei um individuelle Selbstbestimmung. Der Einzelne soll sich sicher vor Cyber-Angriffen oder staatlichen Übergriffen im Netz bewegen, Herr über die eigenen Daten sein und informierte Entscheidungen treffen.
Das sind fraglos wichtige Ziele, die verbreitete Fokussierung auf Verbraucherschutzaspekte führt aber zu dem Missverständnis, dass wir alle in erster Linie nur Anwender digitaler Technologie sind. Dadurch droht die viel wichtigere Aufgabe aus dem Blick zu geraten, dass wir die Digitalisierung auch gestalten müssen. Es liegt schließlich auf der Hand, dass in einer vollständig digitalisierten Welt diejenigen das Nachsehen haben werden, die sich im IT-Bereich in nur schwer auflösbare Abhängigkeiten begeben haben und sich allein auf das Anwenden beschränken.

Der Markt braucht starke europäische Lösungen

Diese Abhängigkeiten sind bereits heute gravierend: In vielen wichtigen Bereichen setzen wir komplett auf Dienste großer Tech-Konzerne. Der europäische Grenzschutz Frontex etwa oder die Deutsche Bahn verlassen sich auf die amerikanischen Cloud-Anbieter Microsoft und Amazon Web Services. Das ist nicht allein aufgrund des Datenschutzgefälles zwischen der EU und den Vereinigten Staaten problematisch. Zwar ist gegen gute Lösungen und Produkte aus Übersee erst einmal nichts einzuwenden. Aber Selbstbestimmung setzt voraus, dass man die Wahl zwischen Alternativen hat – und diese sollten wir uns im Digitalen dringend schaffen. Damit das gelingt, wäre eine Politik nötig, die konsequent Entstehung und Wachstum digitaler Geschäftsmodelle in Deutschland und Europa begünstigt. Natürlich heißt das nicht, dass wir alles selbst machen müssen. Aber in allen für die digitale Transformation kritischen Bereichen wie Cloud Computing, künstliche Intelligenz oder Cyber-Sicherheit sollten wir das Angebot auf dem Markt durch starke europäische Lösungen vervielfältigen.
Digitale Souveränität ist deshalb weit mehr als Verbraucherschutz. Sie hat vielschichtige strategische Implikationen für unsere Volkswirtschaft und wirkt sich direkt auf unseren Wohlstand aus. Mehr noch: Erlangen und bewahren wir nicht unsere Selbstbestimmung im Digitalen, gerät auch unsere politische Souveränität in Gefahr. Welche Ausmaße das annehmen kann, erleben wir momentan in einem anderen Politikfeld: Die enormen Abhängigkeiten im Bereich der Energieversorgung bescheren uns heute ein böses Erwachen. Bei der Digitalisierung kann uns Ähnliches bevorstehen. Was täten wir, wenn uns morgen nicht nur der Gashahn, sondern auch der Datenhahn zugedreht würde? Wären wir noch in der Lage, unseren Grenzschutz zu gewährleisten oder den Zugverkehr aufrechtzuerhalten? Wir sollten aus unseren Fehlern bei der Energiepolitik lernen und uns jetzt die Mühe machen, einseitige Abhängigkeiten abzustellen.

Digitalstrategie bietet keine Antworten

Die Digitalstrategie der Bundesregierung hätte hierfür einen dringend benötigten Fahrplan anbieten können. Sie weckt gleich auf der ersten Seite Hoffnung, dass nun alles besser wird. Dort heißt es: „Die technologische und digitale Souveränität Deutschlands ist Leitmotiv der Digital- und Innovationspolitik der Bundesregierung und zahlt auf das übergeordnete Ziel der strategischen Souveränität Europas ein.“ Zwar enthält die Strategie viele gute Projekte, wie einen verbesserten Zugang zu Daten für Unternehmen und Wissenschaft oder ein niedrigschwelliges Online-Bildungsportal für den einfacheren Erwerb von IT-Kompetenzen. Zudem verspricht sie, nun endlich mit der Verwaltungsdigitalisierung vo­ranzukommen.
Doch vom Geist des Aufbruchs aus dem Koalitionsvertrag ist kaum etwas übrig geblieben. Stattdessen begnügt sich die Bundesregierung damit, die liegengebliebenen Hausaufgaben der Großen Koalition zu erledigen. Was fehlt, ist eine konkrete Erläuterung des Wie. Das Papier erkennt zwar die Gefahr von Abhängigkeiten, versäumt es dann aber, Antworten auf diese hochrelevanten Fragen zu geben: Wie befähigen wir unsere eigene Digitalwirtschaft, marktfähige Alternativen zu entwickeln, um uns aus Abhängigkeiten zu lösen? Wie können wir die Zahl starker europäischer Player erhöhen, um im globalen Wettbewerb um die besten digitalen Lösungen den Anschluss zu behalten?

Digitalpolitik darf den Mittelstand nicht vergessen

Unsere Digitalunternehmen mit ihrer hohen Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit sind auf dieser Mission unser größtes Kapital. Eine (Digital-)Politik, die sich vom Motiv leiten lässt, die digitale Souveränität in den Fokus zu nehmen, muss genau diese Innovationstreiber stärken – sei es durch eine deutlich geringere Bürokratielast, durch den verbesserten Zugang zu Wachstumskapital oder ein modernes Wettbewerbs- und Vergaberecht. Von den 1,2 Millionen IT-Unternehmen in Europa sind 99 Prozent kleine und mittelständische Unternehmen (KMU). So wie der Mittelstand insgesamt das viel zitierte Rückgrat der Wirtschaft bildet, tut er es auch in der Digitalwirtschaft. Doch im entsprechenden Kapitel der Digitalstrategie verharren die Autoren in der fatalen Ansicht, dass KMU lediglich auf der Anwenderseite der Digitalisierung stehen. So droht nicht nur die Chance auf einen echten Aufbruch vertan zu werden. Digitale Wertschöpfung und damit den Wohlstand der Zukunft überlassen wir so anderen. Abhängigkeiten verstetigen sich bis zu einem Punkt, an dem wir nicht mehr umkehren können. Wenn wir das Leitmotiv der digitalen Souveränität gemeinsam konsequent verfolgen wollen – und das sollten wir unbedingt – dann braucht es seitens der Politik zwingend die Erkenntnis, dass vo­rausschauende Digitalpolitik zu einem guten Teil Mittelstandspolitik ist.

Patrick Häuser ist Leiter des Hauptstadtbüros des Bundesverbands IT-Mittelstand e.V. (BITMi).




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik
Illustration aus der Digitalstrategie

Schleswig-Holstein: Digitalstrategie 2026 vorgestellt

[18.03.2026] Schleswig-Holstein hat seine neue Digitalstrategie beschlossen. Erstmalig waren zentrale Partner aus Kommunen und Zivilgesellschaft systematisch in den Strategieprozess eingebunden, um einen breiten gesellschaftlichen Ansatz zu ermöglichen. mehr...

Vier Männer in dunklen Anzügen sitzen nebeneinander an einem Holztisch, vor sich Dokumente.

Baden-Württemberg: Gemeinsam schneller digital

[17.03.2026] In Baden-Württemberg haben Land und Kommunen eine neue – die inzwischen dritte – E-Government-Vereinbarung unterzeichnet. Das Land will den Roll-out von Verwaltungsleistungen in den Kommunen mit weiteren zehn Millionen Euro finanzieren. mehr...

Thüringen: Land unterstützt Kommunen intensiv

[16.03.2026] Ein neuer Prüfbericht des Thüringer Rechnungshofs sieht beträchtliche Defizite bei der OZG-Umsetzung und der Digitalisierung der kommunalen Verwaltung. In einer Stellungnahme erläutert das Digitalministerium, wie das Land Kommunen unterstützt. mehr...

Estnische Flagge an einem Mast, weht von links nach rechts, im Hintergrund damatisch bewölkter Himmel mit Sonne

Brandenburg: Im Dialog mit Estland

[13.03.2026] Zentrale Fragen der digitalen Verwaltungstransformation diskutierte Brandenburgs Justiz- und Digitalminister Benjamin Grimm mit seiner estnischen Amtskollegin Liisa-Ly Pakosta bei deren Besuch in Potsdam. Es ging um Dateninfrastruktur, KI, Cyber-Sicherheit und digitale Souveränität. mehr...

Mann sitzt auf einem Sofa und tippt auf seinem Laptop.

Mecklenburg-Vorpommern: Staatsmodernisierung als Demokratieprojekt

[12.03.2026] Auf Grundlage der Ende vergangenen Jahres von Bund und Ländern vereinbarten Föderalen Modernisierungsagenda hat das Land Mecklenburg-Vorpommern jetzt 237 Maßnahmen zur Staatsmodernisierung beschlossen. Ziel sei es, damit auch die Zustimmung zur Demokratie insgesamt zu stärken, so Finanz- und Digitalisierungsminister Heiko Geue. mehr...

Kahler Mann im Anzug mit Mikro in der Hand an einem Rednerpult, im Hintergrund zugezogene Jalousien.

Niedersachsen: Neuer Landes-CIO

[11.03.2026] Um die Digitalisierung im Land schneller voranzubringen, hat Niedersachsen bereits im letzten Herbst die Bündelung von Kompetenzen im Innenministerium beschlossen. Nun hat die damals geschaffene Abteilung 4 eine neue Leitung – und das Land damit auch einen neuen Chief Information Officer. mehr...

Außenansicht des klassizistischen Bundesratsgebäudes, im Vordergrund blühender Rhododendron.

Bundesratsinitiative: Entlastungspaket für die Sozialverwaltung

[06.03.2026] Die Sozialverwaltungen stehen vor wachsenden Anforderungen – bei gleichzeitig begrenzten personellen Ressourcen. Um Verfahren zu vereinfachen und Abläufe stärker zu digitalisieren, bringt Hamburg gemeinsam mit weiteren Ländern ein Entlastungspaket mit 24 Maßnahmen in den Bundesrat ein. mehr...

Wehende Flagge mit dem Landeswappen von Sachsen.

Sachsen: Zweites Bürokratieentlastungspaket beschlossen

[05.03.2026] Die sächsische Staatsregierung hat ein zweites Bürokratieentlastungspaket beschlossen. Mit mehr als 30 konkreten Maßnahmen sollen Berichtspflichten reduziert und Planungs- sowie Genehmigungsverfahren beschleunigt werden. Zugleich sollen die Bedingungen für Investitionen verbessert werden. mehr...

Ein professionelles IT-Infrastruktur-Management sorgt für den nötigen Überblick bei der Verwaltungsmodernisierung.

NExT/DigitalService: Nachhaltige Verwaltungsmodernisierung

[04.03.2026] Eine gemeinsame Veröffentlichung von NExT und dem DigitalService des Bundes zeigt Wege zu einer wirksamen Verwaltungsdigitalisierung. Dabei wird deutlich: Nachhaltige Effekte und eine echte Digitalrendite entstehen vor allem durch die gezielte Modernisierung der Verwaltungsstrukturen. mehr...

Thüringen: Digitalkabinett beschließt KI-Strategie

[27.02.2026] Das Thüringer Digitalkabinett hat die KI-Strategie für die Landesverwaltung beschlossen, mit der Prozesse und Antragsverfahren für die Bürger beschleunigt werden sollen. Weitere Beschlüsse betreffen eine engere Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und die ThüringenApp. mehr...

Hessen: Land und Kommunen gestalten Zukunft

[19.02.2026] In Hessen haben das Land und die Kommunalen Spitzenverbände den Zukunftspakt vereinbart, um die kommunale Selbstverwaltung zu stärken. Dies soll durch den Abbau bürokratischer Lasten, eine faire Finanzierung und engere Zusammenarbeit der Ebenen bei der Digitalisierung erreicht werden. mehr...

Notebook auf gelber Tischplatte, darauf liegen Bündel von Euro-Scheinen in variierter Stückelung.

OSBA: Microsoft-Lizenzen haben hohen Preis

[18.02.2026] Die Lizenzkosten der Bundesverwaltung für Microsoft-Produkte steigen seit Jahren, inzwischen liegen sie bei rund einer halben Milliarde Euro. Diese Mittel fehlen für die Modernisierung des Staates, beklagt die OSBA. Stärkere Investitionen in Open Source hingegen unterstützen wichtige digitalpolitische Ziele. mehr...

Baden-Württemberg: Landeseigenes Open-Data-Portal daten.bw freigeschaltet.

Baden-Württemberg: Online-Parteiencheck zur Landtagswahl

[16.02.2026] Zur Landtagswahl in Baden-Württemberg gehen zwei interaktive Entscheidungshilfen online. Der Bitkomat klopft die wichtigsten Themen der baden-württembergischen Digitalpolitik ab und bietet den Wählerinnen und Wählern eine Entscheidungshilfe, der Wahl-O-Mat widmet sich verschiedenen Politikfeldern. mehr...

Eine durchgängige Digitalisierung der Verwaltung ist mit papierbasierten Prozessen nicht möglich.

Thüringen: Ein Jahr Bürokratiemelder

[13.02.2026] Zwölf Monate nach dem Start des Thüringer Bürokratiemelders zieht die Landesregierung eine positive Bilanz. Seit Februar 2025 sind über 500 Hinweise eingegangen. Manche Meldungen haben bereits konkrete Reformen angestoßen – etwa in den Bereichen BAföG, Baurecht und Once Only. mehr...

Vorfahrt-Beachten-Schild aus leichter Unzersicht gegen blauen Himmel

Bayern: Vorfahrt für das Digitale

[09.02.2026] Bayerns Digitalminister Fabian Mehring will das Prinzip Digital Only für Verwaltungsleistungen und den Abbau analoger Doppelstrukturen voranbringen. Seinem sogenannten Weckruf haben sich bereits verschiedene Institutionen, Verbände, Unternehmen und Wissenschaftsvertreter angeschlossen. mehr...